DIE EDILUMNE VON IMKE WEIN
Gefühlsecht in den Frühling
JETZT NEU!
Sie können sich unsere Edilumne von Autorin Imke Wein vorlesen lassen:
Gestern traf ich Greg Baber bei »Budni«. Sie wissen schon. Greg, unser Vorzeige-Dude aus Seattle, der jahrzehntelang in Kampen für einen Top-Zustand des Strandes sorgte. Jetzt ist er seit drei Jahren im Ruhestand und sieht »much relaxter aus than ever«. Ihn zu treffen – eine Freude.
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Der echte, wirklich wahre Greg… // Foto: Maike Hüls-Graening
Worüber wir zwischen Zahncreme und Bio-Butter plauderten? Also: Greg liebt Poesie. Mit seinen Kindern diskutierte er unlängst über Literatur, die von Maschinen erzeugt wird (Künstliche Intelligenz = KI). Zur Anschauung hatte Gregs Sohn Gregor eine App mit dem Text über seinen Dad aus dem Kampen-Buch gefüttert. Auf Befehl machte die Plattform daraus ein Gedicht auf Englisch. Nicht ganz auf dem Niveau von Walt Whitman, aber dennoch bemerkenswert. Gedichte-Kenner Greg zollte dem Ergebnis ein anerkennendes Lächeln und hatte Freude, diese neue Erfahrung analog, real und mit allen Sinnen zu teilen.
Wir wagten an der Kasse noch einen kurzen Exkurs über die Frage, ob mein Job wohl bald komplett von Maschinen übernommen wird. Werd ich oft gefragt. Kann ich aktuell aber nicht mit so großer Sicherheit beantworten wie die Frage, ob die Supermarktkassierer und -innen von »Edeka« in List gegen Einkaufswagen mit Tablet und Scanner den Kürzeren gezogen haben. Denn das haben sie, und ich find’s beknackt. Kann – Stand Frühjahr 2023 – aber für mich sagen: Noch schreib ich selbst!
Im Tätigkeitsfeld Journalismus fand ich die technische Dynamik bislang eher cool. Throwback: Ich habe bei der »Sylter Rundschau« in den mittleren 90er-Jahren volontiert. Wir haben die Layouts für die Zeitungsseiten auf Papier gemalt, die Filme für die Fotos nachmittags mit dem Rad zum Westerländer Bahnhof gebracht und einem Kurier in die Hand gedrückt, der die Rollen zur Verlagszentrale nach Flensburg brachte, wo das Ganze entwickelt und auf die Zeitungsseite montiert wurde. Klingt wie aus einem anderen Jahrtausend? Ist es auch!
Wie ich damals zu Was-auch-immer-fürn-Thema recherchiert habe – ohne Internet? Keine Ahnung. Hab ich verdrängt. Das Telefonbuch mit Expertenkontakten war wahrscheinlich meine Bibel. Suchmaschinen, digitale Fotografie, Mails, E-Publishing und so – das hat das Arbeiten smarter gemacht. Mir mehr Zeit für das Wesentliche geschenkt. Zum Beispiel für Begegnungen und das Ringen um Qualität und Ethik – gerade angesichts von unsäglichen Podcasts, Social-Media-Gedödel und dem oft nicht besonders inspirierten Arbeiten in Redaktionen, nicht zuletzt, wenn es um die Ukraine geht. »Gut und Böse« gab’s damals wie heute im Job und überhaupt. Neue Technik entbindet nicht vom Denken. Im Gegenteil.
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…und die falsche Imke. »Gezeichnet« von Künstlicher Intelligenz
Ach ja, ich habe wie Greg auch mal die Probe aufs Exempel gemacht: Von den 156 digitalen Zeichnungen, die mir die KI-App »Lensa« gerade für zehn Euro erstellt hat, sind alle kitschig, zwei ganz gut getroffen, 30 Prozent übertrieben schmeichelhaft. Der Löwenanteil ist ebenso weit vom gelungenen Bildnis einer älteren Dame entfernt wie das Werk von Schnellzeichner Diego auf dem Marktplatz von Palma de Mallorca. Nur dass ich bei Diego die Unterhaltung, das Licht und die mediterranen Gerüche in meinem Erinnerungs-Schatzkästchen bewahre. Das macht sein Porträt für mich zum besten.
Viele gefühlsechte Frühlingsmomente wünscht Ihnen
Imke Wein
PS: Falls Sie das Gedicht über Greg lesen wollen: Ihn einfach darauf ansprechen, wenn Sie ihn sehen. Wir sind ja auf’m Dorf.
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