No 91
Frühjahr 2024
14/16

 Ohne Menschen, die sich jenseits ihres Brötchen-Erwerbs-Jobs für die Insel und die Gemeinschaft engagieren, läuft auf Sylt nichts. In einer neuen PROKAMPEN-Serie stellen wir Ehrenamtler*innen aller Himmelsrichtungen und ihre Projekte vor.



AUF EINEN SPAZIERGANG MIT HEIKE WERNER

Gemeinsam gegen die Plastikflut

2024 feiert die Initiative »Bye bye Plastik« ihr fünfjähriges Jubiläum auf Sylt. In ihrem Engagement für einen neuen Umgang mit Plastik wurden die Initiatorinnen bereits mehrfach ausgezeichnet. Jetzt starten die ehrenamtlichen Meeres- und Umweltschützer*innen zwei neue Aktionen. PROKAMPEN-Autorin Ela Schnebbe* sprach mit Heike Werner von »Bye Bye Plastik« über Erfolge und die Zukunft der Initiative.

*PROKAMPEN-Autorin Ela Schnebbe ist spezialisiert auf Medizin-, Reise- und Umweltjournalismus.


Welche Rolle spielt das Meer in Deinem Leben? // Heike Werner: Das Rauschen der Wellen, die salzige Luft und die Weite sind eine Quelle der Ruhe und Erholung für mich. Aber auch eine lebendige Kraft, die mir täglich neue Energie schenkt – Energie, die ich für den Schutz des Meeres einsetze. 


Welche persönliche Erfahrung hat Dich motiviert, Dich aktiv gegen Plastikmüll einzusetzen? // H. W.: Seit 22 Jahren erkunde ich als Fastenwanderin die Strände und die wachsende Menge Plastikmüll am und im Meer hat mich zutiefst erschüttert. Als gebürtige Sylterin dachte ich: »So darf es hier nicht sein«, und beschloss, aktiv etwas zu unternehmen. 


…und dann hast Du die Initiative »Bye Bye Plastik« auf Bornholm entdeckt und im Ehrenamt einen Sylter Ableger gegründet? // H. W.: Genau. »Bye bye Plastik« möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, wie kostbar und schützenswert unser Meer ist. Zugleich ist unsere Arbeit total niedrigschwellig angelegt. Unsere Community besteht aus Menschen, die nicht darauf warten, dass andere die Rettung bringen, sondern die selbst aktiv werden. Jeder von uns kann viel bewirken, aber gemeinsam sind wir in der Lage, Berge zu versetzen. Wenn allein jeder der knapp 20.000 Sylter jeden Tag ein Stück Plastik beim Spaziergang aufsammelt und ein Stück Plastik in seinem Alltag einspart, wären das 40.000 Stücke Plastik jeden Tag. Das sind im Jahr 14.600.000 Stücke! Und dabei sind aktive Gäste noch nicht eingerechnet.


Welche besonderen Initiativen stehen 2024 an? // H. W.: In diesem Jahr starten wir zwei neue Projekte. »Schulklassen für saubere Meere« wird Schülerinnen und Schülern, die auf Klassenreisen nach Sylt kommen, Bildungs-Workshops rund um das Thema Plastikmüll anbieten. Das zweite Projekt »Sylt räumt auf« richtet sich an alle Sylter Bürger*innen und Gäste und ruft mit dem Motto »Every day is clean up day« dazu auf, bei jedem Spaziergang einfach einen »Büddel« dabei zu haben und am Meer, im Wald oder auf dem Spielplatz den Müll aufzusammeln, der die Natur verschmutzt. Die Strecke und Menge kann ab April über das Handy, den PC und die neue App (siehe QR-Code) in einer interaktiven Syltkarte eingetragen und getrackt werden. Die Locals und Gäste dürfen gerne dabei wetteifern und schauen, wer der oder die »Clean-up-Held*in 2024« wird. Ende des Jahres wird die Menge des gesammelten Mülls und auch die gesamte gereinigte Strecke bekanntgegeben.


Auf welchen Erfolg bist Du nach fünf Jahren »Bye Bye Plastik« besonders stolz? // H. W.: Als ich 2019 »Bye Bye Plastik« ins Leben rief, schwappte das wie eine Welle über die Insel. Viele Unternehmen verpflichteten sich, auf Einwegplastik zu verzichten, und Einzelpersonen sahen die Dringlichkeit, was zu tun. Wir erstellten zum Beispiel auch ein Gäste-Handout mit sieben Top-Tipps zur Vermeidung von Plastikmüll im Urlaub, das plötzlich an fast allen Litfaßsäulen und Infowänden hing. Auch hinter den Strand-Cartoons wie »Pick up 3«, die etwa am Strandübergang an der »Sturmhaube« zum Müllsammeln einladen, steckt »Bye Bye Plastik«. 


Was hat sich durch »Bye Bye Plastik« auf Sylt verändert? // H. W.: Ich stelle mit Freude fest, dass sich zunehmend mehr Menschen am Strand engagieren, um Plastik aufzusammeln. Ein wunderbarer Erfolg. Obwohl seit 2021 Plastikstrohhalme und -becher EU-weit verboten sind, werden sie immer noch nach großen Stürmen am Strand angespült – das zeigt, wie lange es dauert, bis die Natur sich von Plastikmüll erholen kann und womit das Ökosystem Meer zu kämpfen hat. Auch das veranschaulichen wir mit unseren Projekten.


Was wünschst Du Dir für die Zukunft? // H. W.: Dass sich noch mehr Menschen verantwortlich fühlen und selbst initiativ werden.  Alle Termine und Möglichkeiten, sich auf Sylt zu engagieren, findet ihr auch auf unserer Webseite. Und es wäre natürlich toll, wenn Einzelpersonen und Unternehmen an uns spenden, damit wir unsere Aktionen und Projekte längerfristig planen und vielleicht sogar Mitarbeitende einstellen können. Derzeit ist der Großteil unserer Arbeit ehrenamtlich.

Weitere Tipps und Termine



Gutes tun und drüber reden: Zum Beispiel, indem man Müll am Strand aufsammelt, ihn fotografiert und das Bild in der Insta-Story mit dem Hashtag #fürsaubereMeere teilt. Hier ein »Beach Clean Up« in Gemeinschaft.



Gut für Körper UND Karma

PLOGGING 

»Plogging« ist eine Freizeitaktivität, die ihren Ursprung im schwedischen Wort für »aufheben« (»plocka upp«) und dem englischen Wort »Jogging« hat. Es geht darum, während des zügigen Gehens, Walkens oder Joggens herumliegenden Müll einzusammeln und zu entsorgen. 

Das Plogging hat der schwedische Umwelt-Aktivist Erik Ahlström ins Leben gerufen und erfreut sich vor allem in den skandinavischen Ländern immer größerer Beliebtheit.

»Wer Plogging betreibt, absolviert damit ein vielseitiges Intervall-Training, das Laufen, Bücken, Hocken und Strecken beinhaltet. Diese unterschiedlichen Bewegungen stärken nicht nur die Muskulatur, sondern verbessern auch das seelische Wohlbefinden.«




ANZEIGE