No 91
Frühjahr 2024
4/16

 2024 – Das Jahr der Jubiläen 

Das Jahr 1999 hatte es offenbar in sich. In Kampen jedenfalls. Denn ein Vierteljahrhundert später feiert das Dorf nicht weniger als vier große Jubiläen: Der Literatursommer wird 25, die muntere Partnerschaft mit Lech-Zürs in Österreich ebenfalls (darüber berichten wir erst in der Sommerausgabe – sonst wird’s einfach zu viel Rückblick!). Auch der Pastor von Kampen und Wenningstedt, Rainer Chinnow, erfreut seit Januar 1999 mit seiner innovativen Art (unsere Pastoren-Story). Auch Birgit Friese wird in diesem Sommer den Tag feiern, als sie vor 25 Jahren den Posten als »Kurdirektorin« übernahm.




 25 Jahre Literatursommer & 25 Jahre Birgit Friese 

VON KLEINEN PANNEN UND HAUFENWEISE STERNSTUNDEN

Die junge Marketing-Chefin von »Hapag Lloyd« in Hamburg, Birgit Friese, bewarb sich 1998 auf den Posten der Kurdirektorin in Kampen und schickte mit Präsenz und Skills alle anderen 98 (!) Bewerber*innen aus dem Rennen. »Ich wollte genau diesen Job und keinen anderen«, hatte sich die junge Hanseatin in den Kopf gesetzt. Und so geschah’s. Auf ihr Bauchgefühl kann sie sich halt verlassen. Sie passte perfekt zum schönsten Dorf der Welt und das Dorf zu ihr.

TEXT: IMKE WEIN  |  FOTOS: ARCHIV


Foto: Michael Magulski

Im Interview sprechen wir mit Birgit Friese über den touristischen Wandel der letzten 2,5 Jahrzehnte und die schönsten Momente des Literatursommers. Da ihr 20-jähriges Jubiläum gefühlt erst vorgestern war, lassen wir einfach die biografischen Details aus und schicken alle Interessierten zur Birgit-Friese-Story der Ausgabe 75.


Was hast Du 1999 in Kampen vorgefunden? //

Birgit Friese: Damals wie heute begeisterte mich diese lebendige Dorfgemeinschaft mit so vielen liebenswerten, kantigen Persönlichkeiten. Das ist auch heute die Seele des Ganzen. 500 Charakterköpfe, die Veränderung nicht scheuen und immer gerne mitgehen, wenn ich etwas Neues vorhabe. Das ist die Konstante. Jetzt die Veränderung: Vor 25 Jahren gab’s in Kampen noch einen Fremdenverkehrsverein und viele, viele Privatvermieter. Die Anzahl der Gästebetten* war wesentlich höher als heute. Ruth Sönksen war Bürgermeisterin. Die Digitalisierung steckte noch in den Kinderschuhen. Internetbuchungen waren Zukunftsmusik. Gäste reservierten zumeist von einer Sommerfrische für die nächste und blieben gerne 14 Tage bis drei Wochen. Events spielten kaum eine Rolle. Schlicht noch nicht erfunden waren die sozialen Medien. Tourismus und Marketing folgten einem deutlich geruhsameren Rhythmus.


Du kanntest Sylt zwar von diversen Ferienaufenthalten, konntest aber nicht ahnen, wie komplex eine kleine Insel in ihren Strukturen so sein kann. Mit damals noch sieben eigenständigen Kurbetrieben, mit ehrenamtlicher Politik und einer sehr speziellen Verwaltungsstruktur. Fettnäpfchen soweit das Auge reicht. War der Einstieg sehr hart?

B. F.: Ich hatte hier im Kaamp-Hüs wunderbaren Rückhalt in der Politik und viel Unterstützung im Team. Meine damalige Assistentin Karin Schmidt hatte vor mir schon mit einem halben Dutzend Kurdirektoren gearbeitet. Sie kannte insular alle Sachverhalte und alle Akteure. Ohne sie und ohne Dirk Erdmann, damals wie heute Zweiter Bürgermeister im Dorf, wäre ich nicht zurecht gekommen. Es sind auch heute vor allem die Menschen, mit denen ich arbeite, die diese Stelle zu einem Traumjob machen.


Wie würdest Du Deine Aufgabe hier in Kampen beschreiben?

B. F.: Kampen ist seit Beginn des Tourismus, also seit über 120 Jahren, ein Ort, der Menschen von überall her inspiriert. Umgeben von einer berauschenden Natur, die der Hauptgrund ist, warum Gäste zu uns kommen. Kampen war und ist tolerant, liberal, ideal für Freigeister und anspruchsvolle Genießer.  Ein Ort der Begegnung und des Austausches. Genau diese Qualität laden wir mit neuen Inhalten und tollen Event-Formaten auf, die zum Dorf und den Menschen passen. Hier im Haus sind wir Gastgeber für Kunstausstellungen, Tagungen und standesamtliche Hochzeiten. Zum Portfolio von meinem Team** gehört natürlich, eine perfekte touristische Infrastruktur am Strand und im Ort vorzuhalten, Kampen durch ein modernes Marketing glänzen zu lassen und natürlich, das Bindeglied zwischen potenziellen Gästen und Vermietern zu sein. Wobei die Vermittlung von Hotelzimmern, Häusern und Appartements durch die strukturellen Veränderungen nicht mehr die größte Rolle spielt. Dadurch hat sich natürlich auch die wirtschaftliche Situation des Tourismus-Services, der ein Eigenbetrieb der Gemeinde ist, in den letzten 25 Jahren  verändert.


Kampens Veranstaltungsflyer der 90er-Jahre sind viel langweiliger, als ich dachte. Wattwanderungen und die »Wyker Puppenbühne« waren damals schon echte Highlights. Gemäß dem Image von Kampen hätte ich das ganz anders erwartet… 

B. F.: Es waren damals vor allem die Gastronomen mit ihrer illustren Gästeschar und den verrückten Partys, die in den Jahrzehnten der 60er- bis 90er-Jahren das Image des glamourösen Kampens prägten. Strand und gute Gastronomie reichte damals den meisten Gästen. Heute wird aber auch ein zeitgemäßes Unterhaltungsprogramm erwartet.

Und natürlich sind unsere tollen Clubs im Ort immer noch total angesagt. Beachpartys zu feiern, wie Anfang der 2000er, das wäre toll. Aber die Auflagen der Naturschutzbehörde machen das und vieles andere leider unmöglich. Das »White Dinner« war nur darum genehmigungsfähig, weil es wie ein großes Picknick funktioniert.


Das Image Kampens mit modernem Leben zu versehen, ist Dir ein Anliegen. Mit dem »White Dinner« ist das gelungen, aber auch mit einer Vielzahl anderer Projekte. Sach mal drei Beispiele.

B. F.: Der Kunstpfad zum Beispiel, den wir gerade auf insgesamt 40 Stationen erweitert haben und der jetzt noch eine virtuelle Komponente erhält. Oder natürlich der Literatursommer, der im Jubiläumssommer heute weniger reine Lesung als vielmehr Gesprächsabend und Begegnung mit großen Autoren und Persönlichkeiten ist. Und dann natürlich unser »Kampen Jazz« seit 2016 – eine echte kulturelle Perle mitten im Dorf, die weit über die Grenzen Kampens leuchtet. Gratis für alle Zuschauer. Klassische  Kampen-Formate wie das Sommerfest, der Weihnachtsmarkt oder das Ostereierlaufen sind aber auch ganz wichtig. Die Traditionen werden zeitgemäß weiterentwickelt und mit viel Liebe realisiert.


So, jetzt aber endgültig zum Geburtstagskind Literatursommer. Als Du hier anfingst, gab es schon eine kleine, prominent besetzte Lesereihe im Foyer. Was geschah dann?

B. F.: Die Agentur, die das damals federführend organisierte, hatte große Namen im Programm wie Fritz J. Raddatz, Siegfried Lenz, Erika Pluhar, Ralph Giordano. Ich habe damals  die Gäste zumeist persönlich abgeholt und nach der Lesung sind wir in Kampen zusammen essen gegangen. An einem solchen Abend meinte Roger Willemsen zu mir, ich könne den Literatursommer doch bestimmt auch alleine organisieren. Das gab den Ausschlag: Ab Sommer 2001 habe ich den Literatursommer ohne Agentur kuratiert. Mit den Jahren entstanden beste Kontakte zu den Verlagen, ich habe die Messen besucht und wusste bald sehr genau, was in Kampen gut ankommt und was nicht…


Was kommt denn gut an?

B.F.: Es sind weniger die großen, anspruchsvollen Romanciers, die das Publikum hier in Urlaubsstimmung wählt. Autorinnen wie Tereza Mora oder Juli Zeh füllen woanders große Konzerthallen, hier fanden sie vor Jahren nur ein kleines Publikum. Trotzdem gehören solche Hochkultur-Abende natürlich auch mit in unser Programm. Den Musiksommer haben wir einstellen müssen, weil die klassischen Konzerte durchgehend zu wenig besucht waren. Jeder der 200 Plätze in unserem Großen Saal ist dann besetzt ist, wenn populäre Persönlichkeiten kommen. Das Interesse an Menschen ist in Kampen größer als das am Werk. Bei Mario Adorf hätten wir natürlich auch zehnmal so viele Tickets verkaufen können. Figuren wie Wolfgang Schäuble oder Greogor Gysi sind ein gutes Beispiel für ein ausverkauftes Haus bei uns oder Ina Müller, die im letzten Sommer den  jungen Dichter  Max Richard Leßmann begleitete. Wenn es sich anbietet, machen wir Talkabende mit Lesemomenten. Das mag das Publikum – sie lernen die Persönlichkeiten auf der Bühne besser kennen.


Der Literatursommer hat in den letzten 2,5 Jahrzehnten jedenfalls für viele Momente gesorgt, die den Horizont weiten. Gab’s auch ein paar Pannen?

B. F.: Unbedingt. Es waren zum Glück nicht so viele und in der Nachbetrachtung sind sie zu amüsanten Anekdoten geworden. Einen Abend waren die Toiletten bei uns im Haus defekt. Wir haben schnell die Wirte in der Nachbarschaft angerufen und in der Pause konnte unser Publikum mal schnell ins Gogärtchen und ins Manne Pahl. Bei Peter Lohmeyer fiel der Strom aus… zum Glück ist er Schauspieler und konnte die halbe Stunden supercool überbrücken.


Wunderbare Momente gab’s bestimmt viele. Was fällt Dir dazu als Erstes ein?

B. F.: Nie vergessen werde ich, wie reizend Siegfried Lenz und seine Frau waren. Der Abend mit Hellmuth Karasek im »Gogärtchen« ist unvergessen und an Roger Willemsen habe ich auch eine wunderbare Erinnerung. Als ich jetzt die Bilder für die Presse zusammenstellte, wurde mir bewusst, wie viele unserer Gäste inzwischen schon verstorben sind. 25 Jahre sind halt wirklich eine Ära. Ich freue mich schon auf Sommer No. 26…






AKTUELLE KAMPEN-ZAHLEN

*    Vor der Jahrtausendwende bot Kampen noch mehr als 2.500 Gästebetten. Durch den Verkauf vieler Immobilien an Zweitwohnsitzler sank die Zahl der Gästebetten auf 1.700. Die Zahl der Übernachtungen verringerte sich daher trotz der Ausweitung der Saisonzeiten von 308.000 auf heute 216.000 gebuchte Nächte in Kampen.

**  Im Sommer besteht das Team des Tourismus-Service aus 45 Menschen: Handwerker, Rettungsschwimmer, Korbvermieter, Kollegen am Counter und in der Event-Planung…








Die erste Hälfte des Kampener Literatursommers 2024

ILLUSTRE ABENDE ZUM JUBILÄUM

 Tickets zu allen Lesungen im Kaamp-Hüs & auf www.kampen.de 


Do. 28. März // 20 Uhr
Katja Riemann im Gespräch mit Harald Welzer
»Zeit der Zäune«

In ihrem Buch »Zeit der Zäune« berichtet Schauspielerin Katja Riemann von Orten der Flucht, zu denen sie im Rahmen ihres humanitären Engagements reiste. Was durchleben Menschen in den Camps während der Zeit des Wartens und der Ungewissheit? Im Gespräch mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer berichtet sie von Begegnungen in den Geflüchtetenlagern auf Lesbos, in Jordanien und auch in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla. Sie begleitete Ärzt*innen an der bosnisch-kroatischen Grenze und Traumatolog*innen in die nordirakischen Camps der Jesiden.




Sa. 11. Mai // 20 Uhr
Nobelpreisträger Prof Dr. Stefan Hell im Gespräch mit Prof. Dr. Jürgen Kluge

Der Direktor des Instituts für Biophysikalische Chemie in Göttingen, Prof. Dr. Stefan Hell, wollte ein Grundgesetz der Optik aushebeln – und fand dafür in Deutschland zunächst keine Unterstützer. Aber Stefan Hell blieb hartnäckig. 2014 wurde er für seine Leistungen mit dem Nobelpreis belohnt. In unserer losen Folge »Triff den Nobelpreisträger« spricht der Vorsitzende der Lindauer Nobelpreistagungen, Prof. Dr. Jürgen Kluge, mit bedeutenden Wissenschaftler*innen unserer Zeit.





Do. 23. Mai // 20 Uhr
Jörg Hartmann im Gespräch
»Der Lärm des Lebens«

In »Der Lärm des Lebens« erzählt Schauspieler Jörg Hartmann auf hinreißende Weise seine Geschichte und die seiner Eltern und Großeltern. Es ist eine Liebeserklärung an die Kraft der Familie – und an den Ruhrpott. Ein weises, geschichtenpralles Buch über Herkunft und Heimat – und den Wunsch, sich davon zu lösen und in die Welt zu ziehen. Ein Lese- und Talkabend.




Do. 27. Juni // 20 Uhr
Moritz Rinke
»Ich könnte hier stundenlang sitzen und auf den Rasen schauen«

Lauter Liebeserklärungen an den Fußball brachte der literarische Allrounder Moritz Rinke pünktlich zum EM-Sommer in eine ungeheuer lesenswerte Form. Dieses Buch ist ein so vergnüglicher wie erhellender literarischer Streifzug durch den Kosmos dieses Sports. An der Seite eines Fans, der diese Welt innig liebt, sich aber nicht scheut, auch in ihre finsteren Winkel zu blicken. Der Dichter ist übrigens selbst aktiver Spieler der deutschen Nationalmannschaft der Autoren.




Do. 18. Juli // 20 Uhr
Lars Haider
»Ich lieb’ Dich überhaupt nicht mehr«

Der Chefredakteur des »Hamburger Abendblatt« hält sich in seinem regulären Berufsalltag strikt an Fakten. In seinen Hamburg-Krimis denkt der Journalist sich grandiose Verbrechen aus, die sich durch die Ermittlungen des Reporters Lukas Hammerstein aufklären. In der Bestseller-Krimi-Reihe von Lars Haider erscheint im September 2024 der dritte Fall. Hammersteins Ermittlungen werden von Udo Lindenberg höchst persönlich empfohlen.



Do. 25. Juli // 20 Uhr
Constantin Schreiber
»Kleopatras Grab«

Als der Priester der Sankt-Nicholas-Kirche in Alexandria tot aufgefunden wird, herrscht nicht nur in der Gemeinde heller Aufruhr: Alles deutet auf Mord hin. Doch wer oder was steckt dahinter – die Mafia, ein Familienstreit oder doch der erfolgshungrige Archäologe, der in den Gotteshäusern der Stadt etwas zu suchen scheint und vielen ein Dorn im Auge ist? Literatursommer-»Wiederholungstäter« Constantin Schreiber hat jenseits des »Tagesschau«-Studios einen Krimi verfasst, mit dem er Kampen in Spannung versetzen wird.




 Alles, was der Literatursommer ab August bereithält, verraten wir in der Sommerausgabe. Diesen Termin kann man schon mal im Kalender ankreuzen: Am 10. Oktober ist Giovanni Di Lorenzo im Kaamp-Hüs zu Gast! 


 Tickets zu allen Lesungen im Kaamp-Hüs & auf www.kampen.de 



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