No 91
Frühjahr 2024
9/16

 RAINER CHINNOW IST SEIT 25 JAHREN PASTOR VON KAMPEN UND WENNINGSTEDT

ECHT? SO LANGE SCHON?

 Text: Imke Wein | Fotos: Jasmin Heimberger & Archiv

Pastor Jochim Hartung ist weit über  90 und vertritt Rainer Chinnow, wann immer er gefragt wird. »Ist doch ideal. So bleib ich immer der ›junge Pastor‹ «, scherzt Chinnow.  Seinen vielen Fans kommt es ohnehin so vor, als wäre es »gestern« gewesen, als er die Gemeinde der Norddörfer übernahm und in der Friesenkapelle am Wenningstedter Dorfteich für frischen Wind sorgte. Wie es kommt, dass bei ihm die Gottesdienste auch im Winter voll sind und sich jeder pudelwohl fühlt, das klären wir in dieser Story.


Sein Start war spektakulär: Als der flotte junge Pastor aus Hamburg vor mehr als einem Vierteljahrhundert seinen Antritts-Gottesdienst hielt, konnte ein Gros des Kirchengemeinderates nicht dabei sein, um ihn unter die Lupe zu nehmen. Denn das Pastorat war in der Nacht zuvor bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die freiwilligen Feuerwehrleute, darunter auch Mitglieder des Kirchenrates, waren noch im Einsatz, als die Glocken zum Probe-Gottesdienst läuteten. »Das war eine wirklich bizarre Situation. Ich habe versucht, mich nicht irritieren zu lassen. Das Gleiche galt für die Kampener und Wenningstedter. Jedenfalls gab es von Anfang an dieses großartige Gefühl, dass wir alle hervorragend matchen – trotz und manchmal auch gerade wegen der Widrigkeiten«, meint Chinnow in der Nachbetrachtung.

Und »Match« gebraucht er hier im Sinne von »Übereinstimmung« und nicht im Sinne von »fußballerischer Partie«. Obwohl auch die im Verlauf der Jahre seiner Amstzeit von größerer Bedeutung werden sollte. Zunächst entschied die Familie Chinnow aber, mit den drei Töchtern nicht in die USA zu gehen, sondern nach Sylt. Die fünf zogen nach List in ein Übergangsquartier, bis das Pastorat wieder aufgebaut war. »Meine Frau Marion ist Medizinerin und sie hatte tolle wissenschaftliche Perspektiven in Amerika. Da unsere jüngste Tochter Cora aber Asthma hatte und Sylt ihr gut tat, haben wir uns für die Insel entschieden. Das Asthma war bald kein Thema mehr, aber wir spürten, dass wir auf der Insel unser Zuhause gefunden hatten.« Inzwischen ist der »junge Pastor« mehrfacher Großvater. Seine jüngste Tochter studiert ebenfalls Theologie.

Rainer Chinnow sollte vor 25 Jahren tatsächlich den idealen Nährboden für seinen Innovationsdrang finden. Er gewann Freunde und eine Gemeinschaft, die bereit war, mit ihm neue Wege zu gehen. In all den Pionierjahren bis heute immer an seiner Seite: Jochim Hartung, der pensionierte Pastor aus Morsum, der ihm ein väterlicher Freund ist und ihn auch mit über 90 Jahren noch vertritt.

Unter Kolleg*innen: Das Ehepaar Giesen aus Keitum kam zum Jubiläumsfest. Pastor Jochim Hartung ist seit 30 Jahren im Ruhestand und arbeitet jeden Tag.


Um die Jahrtausendwende entwickelte sich rund um die Friesenkapelle eine kirchliche Arbeit, die weit über die Inselgrenzen hinaus Beachtung fand. Eine Community, in der sich jeder aufgehoben fühlt, in der man undogmatisch Beistand findet, in der viel gemeinsam gefeiert wird, in der Attribute wie »christlich« und »tolerant« mit echtem Leben gefüllt werden und Gottesdienst dazu dient, lebensnahe Inspiration zu finden, wie man das Treiben auf Erden vielleicht ein wenig besser meistern kann. Eine Gemeinschaft, die ihren sozialen und seelsorgerischen Auftrag ernst nimmt. Undogmatisch, aber mit großem Respekt vor Traditionen.

Jugend- und Seniorenarbeit stehen bis heute im Fokus der Gemeindearbeit. Im Pastorat gibt es fast täglich Angebote – wie das Töpfern für Grundschulkinder, die Betreuung für Demenzkranke, den Gemeindenachmittag, die Probe des Gospelchores »Island Voices« oder die »reizenden« Begegnungen des »Christlichen Skatclubs«.

Gäste, die nur einmal im Jahr kommen, fühlen sich genauso beheimatet wie Locals aus allen Inselorten. »Von denen kommen aber gar nicht so viele in den Gottesdienst. Sylter sagen gerne: ›Wir wollen unseren Gästen ja in der Kirche keinen Platz wegnehmen‹«, sagt Rainer Chinnow augenzwinkernd, wohlwissend, wie sehr er von Insulanern geschätzt wird – auch von denen, die nicht regelmäßig kommen. Nach jedem Gottesdienst gibt’s in der »Begegnungsstätte« am Ostflügel der Friesenkapelle die Möglichkeit, eine alkoholfreie Bowle oder einen Kaffee zu trinken und sich in Geselligkeit zu üben.

Zu den maßgeschneiderten »Formaten« gehören Open-Air-Gottesdienste genauso wie Trauungen und Hochzeiten am Strand oder eben Fußballandachten, Stichwort: »Mit der Bibel am Ball«, die stets vor wichtigen Matches – wie jetzt im Sommer  bei der EM – stattfinden und mit einem Public Viewing im Pastorat weitergehen, das es schon gab, als der Begriff noch gar nicht erfunden war. Es gibt auch eine regelmäßige Jugendgruppe mit diversen Aktivitäten. Die Konfirmand*innen kommen aus allen Inselorten, weil sie den freilassenden Spirit der Norddörfer schätzen.

Mit der Kirchengemeinde kann man auf Reisen gehen und die Welt erkunden. Am Montagabend finden Konzerte statt, die Kirchenmusiker Oliver Strempler kuratiert und oft auch selbst spielt. Und wenn das Wenningstedter Dorfteichfest Ende Juli gefeiert wird, dann sind wirklich alle Kräfte im Team – ob Ehrenamtler oder Profi – im Einsatz. 

»Durch die Gründung unserer Stiftung ›Üüs Serk‹ sind wir wirtschaftlich weitgehend unabhängig und können personell unseren sozialen und seelsorgerischen Aufgaben voll nachkommen«, freut sich der Pastor über einen »Coup«, der in den Beginn seiner Amtszeit fällt. So kann die Kirchengemeinde zwei Freiwilligen-Dienstler beschäftigen, die bedürftige Gemeindemitglieder zuhause unterstützen.

Mit besonders viel Liebe und Tatkraft füllt die Norddörfer Kirchengemeinde ihre Partnerschaft mit dem polnischen Sorkwitten mit Leben. Dort konnten in den letzten Jahrzehnten vor allem durch die Initiative des inzwischen verstorbenen Küsters Fritz Hermann Einrichtungen entstehen, die das polnische Dorf strukturell enorm nach vorne gebracht hat.

Bei Bedarf auch mal unbequem gegenüber der Landeskirche, großherzig gegenüber jedem, der zu ihm kommt und immer mit frischen Ideen im Ärmel seines Talars – so lässt sich die Haltung von Rainer Chinnow unvollkommen, aber treffend zusammenfassen. 

Bei den Festlichkeiten zum 25. Jubiläum im Januar, die der Kirchengemeinderat heimlich geplant hatte, wurde klar: Wenn es nach den Menschen in Wenningstedt und Kampen geht, bleibt das Datum, das in güldenen Lettern das Abschiedsjahr von Rainer Chinnow markieren wird, noch möglichst lange unausgefüllt…


STIMMEN AUS DEM TEAM

Ein Teil des Teams der Norddörfer Kirchengemeinde wohnt oder arbeitet in Kampen. Wir haben mal nachgefragt, was diese vier Damen über »ihren Pastor« sagen:


Kathrin Wenzel managt im Pastorat das bunte Gemeindeleben und den Pastor selbst: »Rainer hat die Fähigkeit die biblische Botschaft im Alltag lebendig werden zu lassen. Das macht Glauben authentisch und greifbar! Durch seine Spontaneität und den kleinen Mangel an Struktur bleibt die Zusammenarbeit spannend – und vom Ergebnis her betrachtet, sind wir hier alle zusammen ein Erfolgsmodell!«


Katrin Wenzel-Lück ist ehrenamtliches Mitglied im Kirchengemeinderat und war bis vor kurzem die Küsterin, die alles kann. »Rainer ist kreativ, mit einer Spur Chaotik, immer bereit für neue Herausforderungen und Projekte. Er ist andererseits auch tiefsinnig und gleichzeitig menschlich offen für jeden und für alles.«


Kati Syring arbeitet (noch) im Kampener Gemeindebüro (wir werden in der Sommerausgabe berichten). Sie ist ehrenamtlich die »Neue« im Rat der Norddörfer Kirchengemeinde. »Wenn ich eins durch Rainer gelernt habe, dann ist es, laut und fröhlich zu singen!«


Tini Schluck lebt seit »Ewigkeiten« in Kampen. Sie füllt zusammen mit Schnecke »Tiffany« den Kindergottesdienst und die Jugendarbeit mit Leben. »Rainer kann sogar Beerdigungen so gestalten, dass er den Trauernden ein Lächeln auf die Lippen zaubert!«





Mehr Infos: www.friesenkapelle.de

Alle Sonntagspredigten gibt es auch als Videoformat auf YouTube »Friesenkapelle«.





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