
Text: Imke Wein | Fotos: Ingo Kutsche
Visionen, heißt es, taugen nur dann, wenn man sie auch auf den Boden bringt. Wenn die Freunde Benjamin Koziczinski und Martin Schmitt vor ein paar Jahren geahnt hätten, was dran hängt, einen Run über 111 Kilometer rund um die Insel zu organisieren, vor allem zu etablieren, hätten sie vielleicht einen Augenblick länger gezögert. »Aber jetzt ist doch alles wunderbar auf dem Weg. Es ist die dritte Auflage des ›North Sea Ultra‹ und die Anmeldezahlen vom Vorjahr haben sich verdreifacht.«
Martin Schmitt, Jurist aus Heidelberg, berichtet sehr glaubwürdig, dass ihn und seinen Schulfreund Benjamin, der als Architekt in Berlin lebt, vor allem die menschliche Komponente des Ganzen begeistert: »Wenn wir perspektivisch kein Geld mehr mitbringen müssten für das Vergnügen, wäre das natürlich super«, meint er augenzwinkernd.
Der leidenschaftliche Ultra-Läufer der beiden Freunde ist Benjamin. Er hatte vor ein paar Jahren einen Auftrag auf Sylt und lief einfach alle seine Arbeitswege, weil Langdistanz-Fans das gerne so machen. Die Insel kannte er vorher nur als Klischee. Jetzt war Ben begeistert von Luft und Landschaft und hatte diese Erkenntnis:
»Mit seinem natürlichen Streckenverlauf ist Sylt einfach wie gemacht für einen Umrundungs-Run.«
Er teilte diesen Gedanken mit seinem Freund Martin. Der war angetan von der Idee, ein internationales Ultra-Lauf-Ereignis nach Sylt zu bringen. »Und seitdem hören und sehen wir uns als Freunde wieder viel öfter, ein schöner Nebeneffekt«, meinen die beiden.
Mit ihrer Idee rannten sie jedenfalls offene Türen ein (sagenhaftes Wortspiel!): Die »Sylt Marketing« stellt allen Support, der möglich ist. Jünne Gosch sagte seine Unterstützung zu. Die touristischen Institutionen, etliche Sylter Unternehmen und Einzelpersonen unterstützen mit wachsender Begeisterung vor und während des Laufs, packen die Care-Pakete für die Teilnehmenden oder versorgen an der Strecke mit Ess- und Trinkbarem*. Ein kleines Beispiel für die menschliche Komponente dieses Events: Das Freiwilligen-Team spendete letztes Jahr sein Helfer-Taschengeld für den »Sylter Hospizverein«.
Scheint offenbar sogar richtig Spaß zu machen: Ultra-Läufer auf der Strecke!
Losgelaufen wird übrigens am Morgen des 10. Mai um sechs Uhr. Ab 16 Uhr werden die ersten Läuferinnen und Läufer zurückerwartet. Die Siegerin 2024, Julia Jezek aus Berlin, brauchte knapp elf Stunden. Diemaximal 200 Einzel- und Staffelläufer starten übrigens zunächst Richtung Ellenbogen. Zwölf Versorgungspunkte liegen an der Strecke. Alle weiteren Details für den Run findet man auf der Webseite.
Der Tourismus-Service Kampen bereitet seit der Premiere 2023 den Start- und den Zielpunkt am Parkplatz »Sturmhaube« vor. Dieses Mal gibt es sogar einen Getränkewagen am Nachmittag. Martin und Ben legen Wert darauf, dass sich ihr sportliches Baby langsam weiterentwickeln darf. Nachhaltig, ästhetisch, Schritt für Schritt. Für die Shirts gibt es zum Beispiel eine Kooperation mit dem jungen Hamburger Hersteller nachhaltiger und natürlicher Lauftextilien: »Runamics«. »Natürlich wären wir auch begeistert, wenn ein großes Unternehmen Lust hätte, uns zu sponsern. Es muss nur passen.«
Die größte Neuerung des Jahres 2025: Die Zeitmessung des offiziellen Rennens wird professionell erfolgen. Obwohl es auf Rekorde und Höchstleistungen bei den ultralangen Laufstrecken, die weltweit Kultstatus genießen, gar nicht so ankommt.
»Die Motivation bei den Läuferinnen und Läufern besteht eher darin, die Challenge gegen sich selbst zu bestehen.
Start und Ziel der Teilnehmenden des »North Sea Ultra« ist der Parkplatz »Sturmhaube«.
Das Erlebnis hat für viele sogar eine spirituelle Ebene. Die Community ist großartig und vielleicht nicht ganz so kompetitiv wie die Marathon- oder Triathlonszene. Nicht selten hilft das Laufen auch etwas zu überwinden – Krankheiten oder auch eine persönliche Krise«, erzählt Ben.
Er selbst liebt lange Strecken, läuft manchmal von Potsdam nach Berlin zur Arbeit und am Wochenende sind Trainingseinheiten von drei bis vier Stunden Dauer eingeplant. »Manchmal ist die erste Stunde ein echter Struggle. Das Gefühl, das sich dann aber einstellt, ist schwer zu übertreffen«, versichert Ben. Er meint zudem, dass die 111 Kilometer von jedem zu schaffen seien, der gesund ist und es wirklich will.
Auf dem Weg zur ganzen Ultra-Strecke gibt es aber zum Glück die Möglichkeit, am »North Sea Ultra« als 2er- oder 3er-Staffel teilzunehmen. Das sind dann ab lächerlichen 32,5 Kilometer pro Läufer. Einige Plätze für die Staffel sind noch frei…
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* GOOD TO KNOW Was jeder von uns tun kann, um die Ultra-Runner am Samstag, 10. Mai zu unterstützen? Den Sportlerinnen und Sportlern zujubeln, wenn sie einem begegnen und etwa ab 16 Uhr zum »Sturmhauben«-Parkplatz kommen und für einen furiosen Zieleinlauf der Teilnehmenden sorgen! - - - - - - - - - - Wo laufen sie denn? Sylt bietet für Ausdauernde den »Sylt Lauf« (die 42. Ausgabe war im März) // den »18. Rantum Becken Run« (21. September über zehn Kilometer) // Den »Mega-Marsch« (100 Kilometer in 48 Stunden) gibt’s seit zwei Jahren nicht mehr.
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