DJ Sam Collins über den »Casus Kampen«
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TEXT: IMKE WEIN
Sam Collins verbirgt sein Gesicht im Job mit einer Maske. Das ist »eyecatching« und insofern gut für die Wiedererkennung. Ein Markenzeichen, das Privatsphäre ermöglicht. Auch der Name »Sam Collins« ist ein künstlerisches Alter Ego. Weder als Künstler noch als Privatmensch versteckt er jedoch seine Haltung. Der gebürtige Münchner lebt in Amsterdam, wird seit Jahren in Clubs und auf Festivals weltweit gebucht. Aus Verbundenheit zur Insel kommt er jedes Jahr zu etlichen Gigs nach Sylt – ins »Pony«, um genau zu sein. So war es auch im Sommer 2024. PROKAMPEN hat mit ihm gesprochen über Haltung, Rassismus und was sich durch den Pfingstskandal in Kampen verändert hat. Außerdem hat der Housemusic-Produzent und DJ uns verraten, wie unterschiedlich die Feiermentalitäten zwischen Saudi-Arabien, Japan, Georgien und Sylt so sind.
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Du hast Pfingsten eine Nacht vor dem Vorfall im »Pony« aufgelegt, warst Mitte Juli und im August nochmal da. Wie hast Du die Ereignisse rund um den rassistischem Missbrauch des Party-Songs »L’amour toujours« erlebt? //
Sam Collins: Ich bin seit vielen Jahren mit Tim und Tom vom »Pony« befreundet. Sie betreiben auch das »Noho« in Hamburg, da gehöre ich zu den wiederkehrenden Gast-DJs. Ich bin den beiden verbunden und weiß, wie sehr sie mit jeder Faser für ein multikulturelles Miteinander stehen. Für mich stand es außer Frage, meine Gigs jetzt im Sommer auf Sylt nicht abzusagen. Das bedeutet nicht, dass ich die Vorfälle runterspiele. Aber es ist eine Frage der Solidarität mit Freunden und der klaren Haltung. Ich bin selbst ein Mann mit Migrationshintergrund und positioniere mich ganz eindeutig. Es gab in den letzten Monaten bundesweit tatsächlich 360 Polizeieinsätze (Red. Anm. Die Zahl geht auf Recherchen des »Tagesschau«-Teams zurück) wegen des Grölens von Nazi-Parolen zu diesem Song. Die mediale Empörung machte sich zunächst nur an Kampen und an Sylt fest. Das ist Kampens Popularität und seinem Image geschuldet. Der Vorfall und alle anderen Fälle von Rechtspopulismus sollten uns vor Augen führen, dass wir Verantwortung haben, dass es heute mehr denn je um Zivilcourage geht – auch in einem Job, in dem sich auf den ersten Blick alles um die sonnige Seite des Lebens, um Party- und Feierkultur dreht.
Hatten die Ereignisse in der Branche Konsequenzen? //
S. C.: Den Song zu spielen, gilt gerade als verpönt. Wofür der Song natürlich gar nichts kann, der steht ja quasi für das Gegenteil von Rassismus. Ist aber ohnehin nicht meine Musik. Von meinen Freunden habe ich ein paar hämische Sprüche bekommen, als ich jetzt nach Sylt gefahren bin. Das war natürlich nicht ganz ernst gemeint. Aber so kamen wir halt über das Thema ins Gespräch, was gut und wichtig ist. Ich war natürlich auch gespannt, wie die Stimmung im »Pony« ist, und war superpositiv überrascht, wie gut besucht der Club war und was für eine schöne Energie herrschte. Ich mag das »Pony« halt auch sehr – mit all der Tradition und dem Phänomen, dass mehrere Generationen zusammen feiern.
Findest Du, dass Künstler ihre Reichweite politisch nutzen sollten? //
S. C.: Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen politischer Einflussnahme und gesellschaftlicher Haltung. Politik ist vielleicht im internationalen Nachtleben nicht so relevant, aber Werte wie ein friedlicher Umgang und gelebte Toleranz und Solidarität – sind wichtig vorzuleben und zu vermitteln. Gigs in Tel Aviv habe ich jetzt zum Beispiel konsequent abgesagt.
Weiß man in der Szene im Ausland von dem Sylter Skandal? //
S. C.: Ich lebe ja in Amsterdam – da haben das schon Menschen in meinem Umkreis mitbekommen. Ich würde sagen: Wahrgenommen wurde das eher im näheren europäischen Umfeld.
Zwischen welchen Polen spielt sich Dein Leben als DJ und Musikproduzent aktuell ab? //
S. C.: Ich bin augenblicklich fast pausenlos in Clubs und auf Festivals unterwegs – und zwischendurch produziere ich meine eigene Musik. In den letzten Wochen war ich zum Beispiel in Warschau, in Bahrain, in Frankreich, auf Ibiza, in Shanghai, Tokio, Bangkok, im Oman und in Georgien. Ich genieße es aber auch, an die Orte zurückzukommen, die mir seit langem etwas bedeuten.
Ich stelle mir das anspruchsvoll vor, innerhalb einer Woche manchmal an völlig anderen Punkten der Erde zu sein und auf unterschiedlichste Kulturen zu treffen. Denn als DJ bist Du zwar Künstler, aber auch »Zeremonienmeister« und bist in der Verantwortung für den Spaß der anderen. Was ist Dein Motor? //
S. C.: Bis ich den ersten Welthit gelandet habe oder 200.000 Euro Gage pro Gig aufrufe, mache ich genauso weiter. Aber im Ernst: Ich bin ziemlich ehrgeizig und perfektionistisch. Jetzt hab ich es schon so weit geschafft, jetzt möchte ich auch noch in die Champions League. Entscheidend ist die individuelle Vorbereitung auf jeden Auftritt. Das mache ich meistens unterwegs – im Flugzeug, in der Bahn oder eben im Hotel. Egal, wo ich auflege, versuche ich auf die musikalischen Besonderheiten jeder Kultur einzugehen. Das wird auch vom Publikum total honoriert. Ach ja, regelmäßig Content für die sozialen Medien zu kreieren, ist in meinem Arbeitsalltag auch wichtig. Das wirkt immer so easy, ist aber ein Posten auf der To-Do-Liste.
Wie schaffst Du das konditionell? //
S. C.: Mit viel Respekt vor meinem Körper und meiner seelischen Balance. Ich versuche gut zu essen, trinke keinen Alkohol mehr, mache möglichst viel Sport und versuche wenigstens einen Tag die Woche mit meiner Freundin und unserem Hund in Amsterdam zu sein. Ohne große Verpflichtungen. Das ist für mich wie ein Anker. Zeit mit den Liebsten zu verbringen, ist das Wichtigste.
Sag doch bitte nochmal zwei Takte dazu, wie unterschiedlich weltweit gefeiert wird? //
S. C.: Ein paar Beispiele: In Amsterdam dreht sich alles um House-Music. Berlin ist großartig und die Techno-Metropole schlechthin. Deshalb bin ich dort mit meiner Musik in vielen Clubs raus. In Spanien geht’s überall erst ab 3 Uhr morgens los. In Hamburg habe ich Heimspiel, da ist meine Gästeliste besonders lang. In Österreich und der Schweiz kennen die Club- und Festivalgänger alles und sind entsprechend anspruchsvoll. In Asien geht’s wild her, da gibt es beim Feiern keine Grenzen und in Saudi-Arabien ist man in Sachen Club-Kultur noch in den Anfängen. Die Menschen sind sehr begeisterungsfähig. In Georgien war ich jetzt das erste Mal. Das war großartig.
»In Asien wird besonders wild gefeiert!« Wenn sich jemand mit unterschiedlichen Mentalitäten auf den weltweiten Dancefloors auskennt, dann ist das Sam Collins. Das zeigt er auch bei Instagram.
Wow, ja. Danke. So, jetzt aber zu Deiner Maske. Warum verbirgst Du Dein Gesicht?
S. C.: Als ich das erste Mal auf Sylt aufgetreten bin, das war vor etwa zehn Jahren im »Club«, habe ich noch keine Maske getragen. Die DJ-Szene ist weltweit ja breit aufgestellt. Man muss Alleinstellungsmerkmale schaffen, um in den Köpfen zu bleiben. Mit der Maske war es also vor allem ein Marketing-Move – um ehrlich zu sein. Es kann sein, dass ich irgendwann auch wieder ohne auftrete. Aber die Drumsticks, mit denen setze ich bei meinen Sets musikalisch Akzente, die sind wichtig und werden bleiben.
Du kommst ursprünglich aus München und hast schon mit 15 Jahre angefangen die ersten Beats zu mischen. Hattest Du es schwer, Dich bei Deinen Eltern mit Deinem Berufswunsch durchzusetzen? //
S. C.: Ich hatte mit 16 Jahren erste Auftritte und war mit 18 überregional unterwegs. Mein Vater hätte mich gerne in einem »bürgerlichen Beruf« gesehen. Ich hab’s 1,5 Jahre mit Bürokaufmann versucht…
Sam, jetzt zu Sylt. Wie ist Deine Verbindung zur Insel? //
S. C.: Die begann schon 2012. Da wurde ich zur Eröffnung des ersten deutschen Stores von »Stone Island« in Keitum gebucht. Ich bin seitdem mit dem Sylter Jason Witt befreundet, seine Eltern machen die »Crêperie am Meer« in Westerland. Die Familie nimmt mich immer auf wie ein Kind des Hauses. Vor zehn Jahren habe ich dann im »Club« bei Peter aufgelegt, eine wilde Nacht, und dann Jahre später erstmals zu Pfingsten im »Pony« – erst bei Oskar und Philipp. Jetzt bei Tom. Gerade erst am 16. August habe ich im »Pony« gespielt, war aber auch auf Sylt, um beim Geburtstag von Jason da zu sein.