In dieser Rubrik möchten wir Sylter Menschen, Vereine und Institutionen vorstellen, die sich für andere Menschen oder auch für wichtige Themen auf der Insel engagieren – uneigennützig, mit Herzblut, unbeirrbar.
TEXT: IMKE WEIN | FOTOS: PRIVAT
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Familie Gysbers und das »Aber-Trotzdem«
Heute berichten wir über das Schicksal der 16-jährigen Carlotta, die nach einem Schlaganfall vor 15 Monaten körperlich und sprachlich erheblich eingeschränkt ist. Ihre Familie, Freunde und Vereine tun alles dafür, damit Carlotta wieder voll teilhaben kann an allem, was sie liebt.
Die 16-jährige Carlotta Gysbers war bis vor kurzem ein Sylter Teenager wie alle anderen. Das heißt: irgendwie auch nicht. Denn die allgemeine Unschlüssigkeit, die mit der Adoleszenz fast immer einhergeht, suchte man bei ihr vergeblich. Carlottas Interessenfeld war immer riesig, schulisch war sie ambitioniert. Sie hatte Lust zu allem. Ihr Zeitplan bewegte sich zwischen Stunden mit dem Surf- oder Skateboard, Fußballmatches, Schwimmtraining, Schule, Jugendgruppe. All das wuppte sie im Alltag souverän.
Carlotta ist viersprachig, reist supergerne, ist ehrgeizig mit allem, was sie anfängt. Sie hat viele Freunde und eine klare Haltung.
Im Frühjahr 2023, am 31. Mai, um genau zu sein, änderte sich ihr Leben dramatisch: Die junge Sylterin erlitt beim Schwimmtraining in der »Sylter Welle« spontan und ohne äußere Einwirkung eine massive Hirnblutung und anschließend einen Schlaganfall. Ihre intensivmedizinische und operative Versorgung erfolgte erst Stunden nach den Ereignissen. Der Rettungshubschrauber kam nicht. Carlotta wurde mit dem Seenotrettungskreuzer ans Festland und dann weiter in die Klinik nach Flensburg transportiert.
Nach etlichen Operationen und qualvollen Momenten für sie und ihre Familie wurde schnell klar: Carlottas Zustand war und ist bis heute weit weg von ideal. Sie kann nicht sprechen. Kann sich aus eigener Kraft so gut wie nicht bewegen. Immer wieder einschießende Spasmen belasten ihre körperliche Situation noch zusätzlich. Trotz aller Medikamente ist ihre Situation leidvoll. Sie ist voll bei Bewusstsein, zeigt Freude, aber auch Trauer und Verzweiflung. Mit ihren Augen hat sie gelernt zu kommunizieren.
Ihre Mutter Rebecca und ihr »Stifi«, Stiefpapa Jens Heising, weichen nicht von ihrer Seite. »Die Zuversicht, dass ihr Zustand sich erheblich bessern kann, den hatten und haben wir alle. Ganz besonders auch Carlotta hat diese Zuversicht. Das sehen wir in ihren Augen«, sagt Rebecca Gysbers, die vor dem Unfall als Schulsozialarbeiterin an der Nicolai-Schule in Westerland andere Familien unterstützte.
Carlotta kam im Sommer 2023 in die Reha. Die Welle der Hilfsbereitschaft aus der Sylter Community rollte schon an, als die Nachricht von dem tragischen Ereignis im Westerländer Schwimmbad die Runde machte. Ihre Klasse schickte Genesungs-Videos. Aus dem Kreis ihrer Fußballmannschaft vom »Team-Sylt« entwickelte sich die Initiative #wirfuercarlotta. So heißt übrigens auch der Instagram-Auftritt, der Einblick in Carlottas Alltag gewährt.
Damit Carlotta nach zehn Monaten in der Rehaklinik im April zurück nach Hause nach Tinnum kommen konnte, wurde ihr Elternhaus durch Spendengelder und teilweise mit ehrenamtlichem Einsatz umgebaut, Pflegekräfte gesucht, ein Netzwerk aus Therapeuten fand sich zusammen. Ein freier Träger aus Moers, »Systemische Hilfen Niederrhein«, koordiniert die Versorgung von Carlotta. Es gibt das Crowdfundingprojekt »Zurück ins Leben«, um große Beträge zu sammeln. Der Freundeskreis einer Kampener Familie hat gerade dafür gesorgt, dass ein optimaler Rollstuhl für Carlotta angeschafft werden kann. Das Sylter Open Air Kino gab im August eine Sondervorstellung für Carlotta.
Die Norddörfer Kirchengemeinde engagiert sich, Erlöse aus dem »Second Hand Markt« unterstützen Carlottas Genesung.
Der Wenningstedter Bäcker Martin Jessen setzt sich besonders ein, kümmert sich als gelernter Banker auch um Finanzielles und Bürokratisches. Im Frühjahr gewann er die Sylter Bäckerinnung dafür, ein Charity-Brot zu produzieren und zu vermarkten, um weitere Gelder für Carlottas Genesung zu sammeln.
»Natürlich möchten wir am allerliebsten, dass alles wieder ist wie früher. Aber es gibt auch Gutes. Mein Stiefvater Jens ist so toll und verständnisvoll. Er ist unser Fels, noch mehr als früher. Mama ist stark und tapfer. Und Carlotta und ich verstehen uns so gut wie noch nie.«
Ihre Mama und auch ihr Stiefpapa kümmern sich Tag und Nacht. Mit ihrer kleinen Schwester Matilda hat Carlotta eine enge Beziehung. Die Siebtklässlerin beschreibt den Moment so: »Natürlich möchten wir am allerliebsten, dass alles ist wie früher. Aber es gibt auch Gutes. Mein Stiefvater Jens ist so verständnisvoll. Er ist unser Fels. Mama ist stark und tapfer. Und Carlotta und ich verstehen uns so gut wie noch nie. Manchmal kann ich sie trösten und beruhigen, das ist ein gutes Gefühl. Ich war schon früher stolz auf meine Schwester, jetzt bin ich es erst recht.«
Betreut wird Carlotta aktuell von einer fest angestellten Pflegekraft und von der Pädagogin Tini Schluck aus Kampen. Dazu kommen Aushilfspflegekräfte: »Wir planen aktuell immer sehr kurzfristig. Wir bräuchten dringend weitere Pflegekräfte. Wir können auch Wohnraum stellen. Außerdem wünsche ich mir so sehr, dass es einen modernen Behandlungsansatz, Medikamente oder neue Therapien geben möge, die ihr dabei helfen, Kontrolle, Eigenständigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Lebensqualität zurückzugewinnen. Vielleicht finden wir auf diesem Weg Ansätze, Informationen oder hilfreiche Kontakte«, hofft Rebecca Gyspers, die für ihr Kind kämpft wie eine Löwin.
Physiotherapeuten, Osteopathen, Ergotherapeuten, Logopäden und die Sylter Neurologin Dr. Gesche Stritzke geben aktuell für Carlotta alles, was in ihrer Macht steht. Gerade wird ein neues Kommunikationsmittel mit einer Buchstabentafel erprobt, das es vielleicht möglich macht, noch mehr von Carlotta zu erfahren. An guten Tagen ohne Muskelkrämpfe erweitert sich Carlottas Bewegungsspektrum – zum Beispiel durch die Drehung des Kopfes. Ausflüge Richtung Strand, der Besuch von Freundinnen, die gerade einen Wellnesstag für Carlotta organsisierten, das »Uno«-Spiel auf Carlotta-Art: All das lenkt sie auch an schweren Tagen ab.
Rebecca ist es wichtig zu sagen, wie stolz sie auf ihre Töchter und ihren Liebsten ist und wie dankbar für all die Unterstützung. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, mich zu bedanken. Die Liste der Menschen und Institutionen ist lang. Wir erfahren so viel Hilfe und Liebe. Ohne die Sylter Gemeinschaft wäre alles schon bis hierher nicht möglich gewesen«, sagt Rebecca mit Tränen in den Augen. »Wir glauben alle ganz unerschütterlich an eine gute Zukunft«, versichert sie zum Abschied.
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Das »Charity-Brot« der Sylter Bäckerinnung ist nicht nur hilfreich, sondern zudem auch superlecker. Rechts: Carlottas Schwester Matilda und ihre Mama Rebecca in einem der seltenen gemeinsamen Ausgeh-Momente, die sich die beiden aber ganz bewusst nehmen.
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| WER HELFEN MÖCHTE – ES GIBT EINIGES ZU TUN: | |||||
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Auf Carlottas Weg sind immer wieder Hilfsmittel und Therapien notwendig, die die Kasse nicht übernimmt und die Familie aus eigener Kraft nicht stemmen kann. So bräuchten die Gysbers ein rollstuhlgerechtes Fahrzeug für Fahrten mit Carlotta. Ein therapeutisches Wasserbecken wäre ebenfalls ideal. Wer helfen möchte... Hier das Spendenkonto: |
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Pflegekräfte oder Quereinsteiger, Voll- oder Teilzeit, die Carlotta begleiten möchten, mögen sich hier melden: bewerbung@shniederrhein.de Ansprechpartnerin: Ruth Scheuvens. Mehrere Pflegestellen sind derzeit noch unbesetzt. Kleine Wohnungen zur Miete sind vorhanden. |
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IDEEN AUS DER MEDIZIN Fachärzte, Therapeuten oder Kliniken, die sich für den seltenen Fall von Carlotta interessieren, um vielleicht einen weiteren Ansatz zu finden und damit ihren Körper wieder mit ihrem wachen Geist zu verbinden, sind ebenfalls herzlich willkommen. Rebecca Gysbers: Tel. 0171-6831665 |
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EIN ABEND FÜR CARLOTTA ![]() |
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