No 97
Herbst 2025
13/18

Ein Nachmittag Anfang Juli. Gemischtes Sylter Wetter. Der ganz normale Wahnsinn: Der »Kupferkanne«-Parkplatz ist bis auf den vorletzten Platz gefüllt. Kunsthandwerker bieten neben dem Grabhügel ihre Waren feil. Das Watt glitzert in der Ferne. Es duftet nach Rosen, Jasmin und bestem Kaffee. Überall, wohin man schaut, möchte das Auge verweilen. Denn dieser Ort ist so einzigartig, so entrückt, so weit weg von banal.

FOTOS & TEXT IMKE WEIN


Kein Wunder, dass so viele Menschen einen Besuch in der »Kupferkanne« zu ihrem Sylt-Ritual machen. Eines, das man nicht auslassen darf, wenn die Ferien (oder im Falle der Sylter z. B. der Besuch der Schwiegermutter) gelungen sein sollen. Der Kuchen ist köstlich, der selbst geröstete Kaffee nicht minder und alles Drumherum, die Terrasse, das verwunschene Lokal, die märchenhafte Parkanlage – pure Zauberei. Spürbar für jeden. Trotz des seit Jahrzehnten währenden Hypes, der große Besucherströme jeden Tag im Sommerhalbjahr hierher führt.

Wie Künstler Günther Rieck wenige Tage vor Kriegsende 1945 in einem Flakbunker an der Kampener Ostküste Unterschlupf fand und mit viel Genie, etwas Wahnsinn und gegen jeden Widerstand der Behörden ein Künstlercafé und dann ein legendäres Restaurant, Bar und Disko entwickelte, kann man perfekt in der Jubiläumszeitung nachlesen. Einen Ausschnitt daraus gibt’s  in unserer digitalen Ausgabe. Die ganze Zeitung bekommen alle Interessierten für einen Euro beim nächsten Besuch in der »Kupferkanne«.

Hier geht’s zu einer Leseprobe der KuKa-Chronik. 
Im Lokal selbst kann man sein gedrucktes 
Exemplar für 1 € kaufen oder hier das PDF downloaden!

Zwischen Mai und September füllen 40 Mitarbeitende die ausgefeilte »KuKa«-Logistik mit Leben. Im Winter ist es hier in jeder Hinsicht etwas beschaulicher. Viele sind seit Jahrzehnten Teil des Teams, schleppen tiefenentspannt die schweren »Schlitten« mit gestapeltem Geschirr und Waren auf der Schulter über die Terrasse oder backen all die Herrlichkeiten, bereiten Kaffee und Kaltgetränke zu, schalten und verwalten im Büro, pflegen das bildschöne Grün des Parks, planen, putzen, räumen auf und ab… Kurz: eine gastronomische Meisterleistung, diese »Kupferkanne«. Ein Organismus, der sich ständig weiterentwickelt und von Menschen gemacht wird, die dem Zauber ebenfalls erlegen sind.


FABIAN

Den womöglich besten Siebträger- und Filterkaffee 
überhaupt trinkt man bei Fabian Vandrey. 
Rasante Mischungen hat er parat. 
Fabian gibt sein Wissen auch in Workshops weiter.


»Wir sind hier lauter Verrückte«, kommentiert Fabian Vandrey grinsend und versorgt mit einem wunderbaren Lächeln all die Menschen, die in der »KuKa«-Espresso-Bar Schlange stehen. Er ist selbst einer von den »Verrückten« und meint das natürlich zärtlich. Denn die »Kupferkanne« ist gerade durch seinen außergewöhnlichen »Faktor Mitarbeiter« so gut. Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, die sich nicht mit »Standard« begnügen und brennen für das, was sie tun. Fabian Vandrey ist ein Beispiel dafür, einer der jungen Schlüsselfiguren im Betrieb: Er war schon immer leidenschaftlicher Gastro-Mann, dann fokussierte er sich mehr und mehr auf das Mischen und Zubereiten von allerbesten Siebträger- und Filterkaffee-Kompositionen. Mit reichlich Ideen und Initiativen hat er sich in die »Kaffeewerkstatt Braderup« eingebracht. Jetzt wirkt er in der »Kupferkanne« als »Headbarista«. Mit seinem Chef, Willi Schäfer, verbindet ihn nicht zuletzt die Liebe zu den braunen Bohnen. Denn »Mr. Kupferkanne« war schon »Headbarista«, lange bevor es den Begriff gab.


WILLI

Mr. KuKa, Willi Schäfer, mag Pressetermine gar nicht, 
hat sich aber lächelnd darauf eingelassen. 
Eine Ehre für ProKampen!

Es gibt kaum etwas, was Willi Schäfer weniger gern mag als Pressetermine. Zum 75. Geburtstag seines zu  null Prozent stromlinienförmigen Betriebs macht er eine Ausnahme. An der Art, wie er nach kurzem Schweigen mit einem verschmitzten Lächeln und viel Ironie antwortet, spürt man, wie viel ihm dieser Ort bedeutet, aber auch, wie viel er ihm in den letzten vier Jahrzehnten abverlangt hat.  

Ruth Rieck, die Witwe des Gründervaters der »Kupferkanne«, hatte den selbstständigen Konditormeister Mitte der 80er-Jahre im Rheinland kennengelernt. Als Schäfer die Kampener »XL-Baustelle« – damals noch mit Restaurant, Bar, Diskothek – kennenlernte, war er »wahnsinnig genug«, um sich in den Ort zu verlieben und mit der Betriebsleitung eine Mammutaufgabe zu übernehmen. »Uns drohte mehrfach das Aus. Die Kupferkanne war baulich eine Katastrophe und für jeden, der Betriebsgenehmigungen ausstellt, ein Alptraum«, formuliert die Situation Willi Schäfer. Auch von Seiten der Inselverantwortlichen bekam er reichlich Gegenwind. Es war damals ein Sylter Bankdirektor, der an die Zukunft der »KuKa« glaubte und per Handschlag besiegelte, dass das wild verschlungene, halb in die Erde eingelassen Bauwerk zukunftstauglich gemacht werden konnte. 

Schäfer bewies ein feines Händchen für Strukturwandel. Aus dem beinahe 24-Stunden-Betrieb wurde in den 90er-Jahren ein Tagesgeschäft. Er begann – allen Unkenrufen zum Trotz – den Kaffee selber zu rösten und ein Kuchensortiment zu entwickeln, das bis heute unerreicht ist. »Die Menschen haben ja Appetit, wenn sie mit dem einmaligen Blick bei uns auf der Terrasse sind«, meint Schäfer zu den legendär großen Kuchenstücken in der »Kupferkanne«.

KNUT

Auch Knut, Friese durch und durch, besaß vor vielen 
Jahren das Quäntchen Kauzigkeit, um die »Kupferkanne«
 als Arbeitsplatz auszuwählen. Gestellte Fotos mag
 er nicht. Darum von ihm nur ein Bild im Vorübergehen.

Knut ist der Mann der 1000 Aufgaben. Von ihm durch die verschlungenen Räumlichkeiten geführt zu werden, ist wie eine Zeitreise. An den ausgestellten alten Maschinen, an den Möbeln, den diversen Böden, den umreglementierten Ecken, dem Flügel vorbei... Erinnerungen werden wach – an all die Momente und Begegnungen, die man hier schon erlebt hat. Knut sieht verständlicherweise eher die Arbeit und all die Projekte als die Romantik. Auf dem labyrinthischen Weg zu den Toiletten treffen wir eine Gruppe Kinder, deren Phantasie nur so sprudelt. »Das ist hier wie in einem Märchen. Hier kann man sich verlaufen und möchte für immer bleiben«, sagt ein Mini-Gast und trifft  genau das, was so oder ähnlich den Zauber der »Kupferkanne« ausmacht.




Überall Magie

Was den Besuch in der »Kupferkanne« unvergesslich macht? Dieser Ort ist mehr als die Summe seiner Teile. Jedes Stück Inventar veströmt Magie. Auch wenn die Terrassenmöbel und die Strukturen sich stetig wandeln, der Zauber bleibt.






Jahrhundert-Sturm »Anatol« 1999

Nach dem Jahrhundert-Sturm »Anatol« 1999 lagen große Mengen der einst 30.000 von Günther Rieck gepflanzten Kiefern auf dem Gelände entwurzelt da. Die Stämme umzudrehen und daraus Kunst zu machen, war ein ähnlich genialer Schachzug von der »Kupferkanne«-Gang wie unlängst die neue Betriebslogistik mit SB-Espresso-Bar und To-Go-Bereich und gezielter Platzierung auf der Terrasse. Bei der Wahl seines Teams hat Schäfer ein gutes Gespür – Freiheit und Vertrauen zu schenken, aber auch Verantwortung abzugeben, ist das Erfolgsrezept. Die Geschäftsführung des kleinen KuKa-Königreichs liegt seit Jahren bei Marco Brodersen.