No 88
Sommer 2023
5/17

PLAY IT AGAIN, TILL!

Mit einem sensationellen Programm, spendablen Möglichermacher*innen und  vielleicht noch mehr Freude als ohnehin schon versetzen Till Brönner und sein Team am 30. Juni und 1. Juli ein kleines Dorf an der Nordsee in einen Ausnahmezustand. Zwischen vielen Terminen und einer Reise nach Usbekistan hatte der fünfmalige »Echo«-Preisträger Zeit für ein schnelles Interview…


Bei aller Freude – zunächst ein ernstes Thema. Stand Mai 2022 – welche Stimmung herrscht nach Ihrem Empfinden in der internationalen Live-Kulturszene? 
Till Brönner //  Im Wesentlichen waren es drei Jahre mit schweren Verlusten und Unsicherheiten in der Branche, ob es jemals wieder so sein wird wie vor der Pandemie. Und wer mit beiden Beinen auf dem Boden steht, der hat das alles auch noch längst nicht vergessen. Doch mittlerweile ist die Stimmung fast genau dort wieder angelangt, wo sie vor Corona war. Ich höre von so gut wie allen Veranstaltern, dass die Häuser wieder voll sind und man nach vorne schaut.

Welches sind gerade Ihre beruflichen Biotope? 
T. B. //  Ich war und bin noch immer ein Grenzgänger. Da ist die Musik, meine Radioshow bei Klassik Radio, die Fotografie, meine Lehrtätigkeit. Aktuell ist noch eine Ballettmusik dazugekommen, die im Frühling 2024 Premiere haben wird.

Nach drei Jahren Zwangspause endlich wieder »Kampen Jazz« und dann mit einem so krassen Line-Up, so vielen, vor allem aber so hochkarätigen Musiker*innen. Genießt das Sylter Festival, das Ihren Namen trägt, schon ein Standing in der Szene? 
T. B. //  Tatsächlich feiern wir mit »Kampen Jazz« dieses Jahr unser fünfjähriges Bestehen. Rechnerisch sind es durch die Pause bereits acht Jahre, aber in der noch immer relativ kurzen Zeit konnten wir mit »Kampen Jazz« durchaus eine starke Positionierung und Anziehungskraft beim Publikum erzielen, die wir uns auch gewünscht haben. Wir sehen es an der Art der Künstler-Bewerbungen, die bei uns eingehen, dass unsere Inhalte und die besonders ungezwungene Atmosphäre des Festivals auch überregional verstanden und geschätzt werden.

Logistisch ist es sicher ein irrsinniges Unterfangen, bis auf der XXL-Bühne in Kampen-Dorf der erste Ton erklingt? Allein die Tatsache, mal eben im Juli auf Sylt für Dutzende Weltklassemusiker*innen adäquate Unterkünfte zu finden. Wie wuppt Ihr diese Herausforderungen? 
T. B. //  Ohne ein absolut erstklassiges Produktionsteam wäre das alles gar nicht denkbar. Wir haben im Hintergrund mittlerweile fast Orchestergröße erreicht. Und das ist bei nicht wenigen Auflagen und der Sylter Auslastung im Sommer auch dringend erforderlich. Als Profis haben wir aber das Selbstverständnis, dem Publikum das Gefühl zu geben, dass es hier entspannter und lockerer zugeht als woanders. Es ist wie auf der Bühne: Je leichter es aussieht, umso mehr Arbeit wurde reingesteckt (lacht).

Von Publikumsseite, gerade von den Locals, wurde »Kampen Jazz« by Till Brönner von Minute eins an geliebt und gefeiert. Dieses Open Air Jazz-Fest, das für das Publikum auch noch gratis ist, finanziell auf ein solides Fundament zu stellen, ist ein Abenteuer für sich. Wie habt Ihr das für 2023 hinbekommen? 
T. B. //  Mit Geduld, Spucke und guten Kontakten. Mein Festival-Partner Dariush Mizani ist hier das entscheidende Fundament in Sachen Sponsoren. Letztere haben durchaus klare Vorstellungen, was inhaltlich und örtlich zu Ihnen passt und was weniger. »Juvia« und Judith Dommermuth stellen von Beginn an den größten Betrag, initiiert durch die Gemeinde Kampen. Hier wurde trotz überschaubarer Größe des Ortes der Mehrwert eines solchen Events erkannt und gefördert, ein großer Kreis örtlicher Unternehmer und Einzelhändler hat privates Geld in einen Topf geworfen, damit wir stattfinden können. Unsere Freude hierüber könnte nicht größer sein.

In Gesprächen mit Freunden höre ich immer wieder: »Oh, ich würde auch so gerne viel mehr von Jazz verstehen.« Was empfehlen Sie – wie tastet man sich ran? Wer sollte mit auf meine Einsteiger-Playlist?  
T. B. //  Oh, hier helfe ich gerne aus! Alles von Frank Sinatra, Antonio Carlos Jobim, Ella Fitzgerald oder Oscar Peterson beispielsweise eignet sich hervorragend als Einstiegsdroge. Ab dann läuft es fast von selbst, noch dazu auf den mittlerweile selbstständig denkenden Portalen der Musikanbieter. 

»Kampen Jazz« holt die Welt auf die Insel. Wenn man reisen möchte, um Jazz besser zu verstehen: Welche drei Tipps würden Sie geben?  
T. B. //  Jazz ist mittlerweile auf der ganzen Welt zuhause. Die Wiege und Idee dieser Musik findet man dennoch auf noch immer beindruckende Art und Weise in New Orleans und New York City. Auch Los Angeles ist seit den 1950er-Jahren eine Jazzmetropole. Wer aber verstehen möchte, wo diese Musik ihre interessantesten Impulse erfuhr, sollte in einem der zahlreichen New Yorker Jazzclubs einen längeren Abend verbringen…