No 88
Sommer 2023
15/17




KUNST & KULTUR

 IM GESPRÄCH MIT DEM ROMANCIER, DRAMATIKER 
UND JOURNALISTEN MORITZ RINKE 

AUF EIN FISCHBRÖTCHEN, HERR RINKE!

Vor 21 Jahren genoss Moritz Rinke als Inselschreiber das erste Stipendium der »Sylt Quelle«. Der Autor aus Worpswede wurde damals als neuer Stern am Schriftstellerhimmel wie ein Popstar gefeiert. Etliche Theaterstücke, brillante journalistische Arbeit und Bücher später kommt er am Donnerstag, 20. Juli um 20 Uhr für einen Lese- und Talk-Abend ins Kaamp-Hüs. Sein Gegenüber auf der Lesebühne kennt er gut: Die Journalistin Imke Wein arbeitete vor zwei Jahrzehnten bei der »Sylter Rundschau«. So begegneten sie sich beinahe zwangsläufig. Zusammen dachten sie sich schräge Kultur-Formate wie die »Sauna-Lesung« im »Grande Plage« aus. Die Resonanz war »so mittel« , aber der Spaß der beiden umso größer. Über den spanischen König, die Fußballnationalmannschaft der Autoren und Matroschka-Puppen sprachen die beiden im Vorfeld des Talk-Abends.

Apropos Fischbrötchen – gehört Fisch noch zu Deinen Ernährungsstandards? //
Rinke: Ja, Nordsee-Krabben. 

 Das ist kein Fisch, Du Landei. Dein neuestes Buch heißt: »Unser kompliziertes Leben«. Was macht denn Deine Gegenwart knifflig? //
Es geht darin um die Gegenwart von uns allen. Und was sie aus unserem Leben macht, wenn nun einmal gerade »Zeitenwende« ist. Und unser tägliches Leben immer mehr mit dem Weltgeschehen in Zusammenhang gerät. Auf den Titel kam ich während der Pandemie. Meine Familie war gerade in Quarantäne, mit häuslicher Isolation von Positiven und Noch-Negativen, mit absurden Versuchen, das Gesundheitsamt zu erreichen, und mit Quarantäne-Bescheinigungen, die erst eintrafen, als wir schon längst in der nächsten Quarantäne waren. Das war schon recht kompliziert. Den Titel für das Buch hatte ich vor dem Krieg in der Ukraine festgelegt, also vor der Zeitenwende, bevor so alte, lieb gewonnene Überzeugungen wie »Pazifismus« oder »Wandel durch Handel« plötzlich zu Staub zerfielen.

Und dann wurde es so richtig kompliziert? //
Ja, vielleicht stecken die Krisen mittlerweile auch ineinander wie diese berühmten russischen Matroschka-Puppen. Krise in Krise in Krise, so wie Puppe in Puppe usw.: Pandemie, Lieferausfälle, Angriffskrieg, Energiekrieg, Rohstoffknappheit, Inflationsrekorde, Entlastungspakete, Verschuldung, Insolvenzen, Klimakrise, Hitzewellen, Ernteausfälle, Hungersnöte, Migrationswellen, soziale Unruhen, Aufstände, Regierungskrisen – das alles könnte am Ende in einer wahnsinnig großen, gigantischen Puppe ineinanderstecken. Und diese Puppe sitzt ja im Leben von uns allen!

Die Krise hält an. Aber welche Projekte fordern inzwischen Deine ungeteilte Aufmerksamkeit? //
Ich bereite ein neues Theaterstück vor und sitze an zwei Bänden für die Fußball-Europameisterschaft. Ein Kinderfußballbuch für den Carlsen-Verlag, das ich herausbringe. Und ein eigenes.

 Du schaust jetzt auf ein paar Jährchen zurück – als Autor, Kolumnist, Reporter, Dramatiker, als Romancier – für welche Aufträge stellst Du alles andere hintenan? //
Für Anfragen und Aufträge meiner Kinder. Und natürlich für wichtige Spiele meiner Autorennationalmannschaft. Wir haben gerade in Madrid gegen Spanien gespielt, im September folgt ein Vierländerturnier in Rom.

Es gibt besonders schöne Klischees über Menschen, die mit dem Schreiben ihr Leben finanzieren. Meinen Nachbar*innen bin ich garantiert unheimlich. Sie denken, ich arbeite gar nicht. Dabei braucht das Ganze extrem viel Disziplin. In Berlin ist Dein Lebensentwurf vielleicht nicht so exotisch. Aber Strenge mit Dir selbst brauchst Du trotzdem. Hast Du Rituale, die Du empfehlen kannst? //
Thomas Mann hat einmal gesagt, ein Schriftsteller sei ein Mensch, der nicht gerne schreibt. Das ist insofern richtig, wenn man es als Vollprofi sagt, und das war ja Thomas Mann. Also erlegte er sich eine zutiefst preußische Disziplin auf, nine to five, mit einem Schild an der Tür seines Arbeitszimmers »Papa schreibt!«. Die Kinder durften die Tür nur bei Strafe öffnen. Ich bin leider für diese Härte nicht geboren. Deshalb habe ich ein separates Office gemietet.  

 Ferien, Urlaub, Muße. Das sollte im besten Fall eine entrückte, befreiende, inspirierende Zeit sein. Dafür verströmt der Prototyp des Sylter Badegastes aber überdurchschnittlich viel schlechte Laune. Ich halte Urlaub für eine völlige Überforderung. Hast Du das Prinzip je verstanden? Und wenn ja, wie praktizierst Du es? //
Ich habe mir ja ein Haus auf Lanzarote gebaut. Für mich und uns. Und für Gäste, die gerne ein Haus mieten wollen mit Blick auf den Atlantik und die Feuerberge. Und die genau dieser Überforderung entgehen wollen. Man sieht keinen einzigen Touristen. Und wenn man sie haben will, ist man in 10 Minuten an den Stränden. Und den schönsten, einsamen, schwarzen Strand kann man sogar vom Haus sehen.

 Du bist vor 20 Jahren als Inselschreiber mal tief eingetaucht in den Kosmos Sylt – auch in die Sphären, die Nicht-Locals verschlossen bleiben. Was hast Du mitgenommen? //Ich habe Sylt immer gemocht. Ich liebe den Geruch dieser Insel, den Geruch der Dünen und des Meeres. Das klingt klischiert, aber Sylt riecht an den richtigen Stellen wirklich toll. Und ich erinnere mich an meine legendäre Nacktlesung in einer Sylter Sauna, weil ich eine Wette verloren hatte. Und dann kam ein Foto durch eine Art Leak zum »Spiegel«. Ich glaube, der schillernde und komplizierte Fritz. J. Raddatz hat darüber in seinen skandalösen Tagebüchern geschrieben.

Dein wunderbares Buch »Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García« handelt von einem Postboten und spielt auf Lanzarote. Was magst Du an Inseln und an Lanzarote insbesondere? //
Dass Wasser drumherum ist und dass eine Insel erst einmal irgendwie eine eigene kleine Welt darstellt. Das ist auf Lanzarote besonders so. Hier kommt alles zusammen: urbane Menschen, die in den kleinsten Dörfern noch in einer anderen Zeit leben, der globale Tourismus, die Einwanderung aus Südamerika, die europäischen Aussteiger und Hippies aus den 70er- und 80er-Jahren, die dort wie die letzten Dinosaurier an den Nacktstränden herumliegen. Dazu eine sehr muntere künstlerische Szene. Ab und zu läuft Olaf Scholz durch die Vulkanlandschaft oder Penelope Cruz, die beiden wurden allerdings noch nie zusammen gesehen. Kürzlich bekam ich einen Brief vom spanischen König, der den Roman auf Deutsch vom Bundespräsidenten bekommen hatte. Auch der spanische König liebt Lanzarote.  

Mit dem König habe ich 1988 in Madrid zusammen studiert. Erzähl ich Dir am 20. Juli um 20 Uhr im Kaamp-Hüs. //




 +++ TERMINE + TERMINE + TERMINE +++ 

TALK & LESUNG IM KAAMP-HÜS


CONSTANTIN SCHREIBER

Der Tagesschau-Sprecher und journalistische Tausendsassa macht diesen Sommer den Anfang auf der Bühne im Kaamp-Hüs: Er liest am Do., 13. Juli um 20 Uhr im Kaamp-Hüs aus seinem Buch »Glück im Unglück: Wie ich trotz schlechter Nachrichten optimistisch bleibe«. Im Talk mit PROKAMPEN-Chefredakteurin Imke Wein spricht Constantin Schreiber über ein Phänomen, das jeden von uns betrifft: Wie bleibt unsere Seele heil bei diesem Dauerbeschuss mit schlechten Nachrichten? Führt das nicht automatisch zu einer Sehnsucht, der realen Welt zu entfliehen? Und was heißt das für Profis – für Journalisten, Reporter, Herausgeber? Lassen sich Nachrichtensendungen, Zeitungen, News-Dienste auch anders gestalten als in einem permanenten Weltuntergangsmodus? Diese und viele andere Antworten gibt’s am 13. Juli um 20 Uhr in Kampen.


MORITZ RINKE
Do., 20. Juli um 20 Uhr im Kaamp-Hüs  – Das Interview als Vorgeschmack für den Abend – siehe oben.


ULLA KOCK AM BRINK

Die TV-Moderatorin kennt sich aus mit den Unwuchten des Lebens. Ulla Kock am Brink steht für eine Vita voller Höhen und Tiefen. Gerade steht sie für ein nagelneues Fernseh-Format auf Sat.1 vor der Kamera. Wie die Geisteswissenschaftlerin und Sonderpädagogin eher zufällig vor der Kamera landete, was ihre Karriere bestimmte und wie sie sich mit ihrem Leben versöhnte – darüber schreibt sie in ihrem Buch »Die Glücksritterin – 
Leben ist, wenn man trotzdem lacht«. Am 
Do., 10. August um 20 Uhr wird sie auf der Kaamp-Hüs-Bühne aus ihrer Biografie lesen und mit Imke Wein talken.


 TICKETS ZU ALLEN DREI LESUNGEN IM 
 KAAMP-HÜS AUF 
WWW.KAMPEN.DE UND 
 
WWW.VIBUS.DE 


ANZEIGEN

Reetdachdeckerei Finke    › Elektro Böhm  



KUNST IM KAAMP-HÜSbis Ende Juni 
Nicht entgehen lassen: Bis Ende Juni sind noch die wunderbaren Kampen-Impressionen von Strandchef Lars Lunk zu bewundern.

--------------------

IM REICH DER SCHWARMINTELLIGENZ
Ben Buechner zeigt neue Werke
03.07 – 01.09.2023

Der Künstler Ben Buechner zeigt vom 3. Juli bis zum 1. September 2023 unter dem Titel »Im Reich der Schwarmintelligenz« eine exklusive Auswahl seiner Werke. Als Erfinder der »Cut-Up-Art« lässt er Kompositionen entstehen, die visuell überraschen. Seine Technik ist das Resultat einer Dekade des Probierens. Zwischen Zwei- und Dreidimensionalität entstehen Formen und Figuren, nur um sich sogleich wieder in ihre Bestandteile aufzulösen. Die Hauptrolle in allen Werken spielt der Schmetterling, der im Schwarm alte Formen neu interpretiert – diese Schwarmintelligenz bringt Freude für Herz und  Geist.  

Bereits seit vielen Jahren zeigt der Künstler seine Werke im Rahmen der »Sylt Art Fair« im Lister Hafen. Die Ausstellung im Kaamp-Hüs ist ebenfalls eine »Wiederholungstat« und ergänzt seine Präsentation. Ben Buechner
wird in Kampen immer wieder persönlich vor Ort sein.


ANZEIGE


WORAUF WIR UNS FREUEN KÖNNEN

Ulrike Bosselmanns
06.09. – 30.09.2023

Die Kraft des Meeres spielt für Ulrike Bosselmanns künstlerisches Schaffen eine zentrale Rolle: Vom 6. bis 30. September 2023 stellt sie eine Auswahl ihrer Werke unter dem Motto »Sehnsucht« in der Galerie im Kaamp-Hüs aus.

--------------------

Kim Benck
ab 01.10.2023

Ab 1. Oktober zeigt die Listerin Kim Benck im Kaamp-Hüs ihr Werk. Es wird ein wilder Querschnitt durch ihr Schaffen. Einen roten Faden gibt es trotzdem: ein wunderschönes Augenzwinkern auf die Welt,  die uns umgibt.

--------------------

 INSPIRATION FÜR DIE SEELE 
 DIE AUSSTELLUNGEN IM KAAMP-HÜS SIND ZU DEN 

 ÖFFNUNGSZEITEN DES HAUSES – 
 MO. – FR. 9 – 16 UHR UND SA. 10 – 13 UHR – 
 FREI ZUGÄNGLICH. 




ANZEIGE