Oben: Diese Damen und ein Herr wollen keinen Applaus: Sie lenken gemeinsam und sehr uneitel eine der ersten Tafeln des Landes.
25 Jahre »Sylter Tafel«
Und noch ein 25. Jubiläum: Vor einem Vierteljahrhundert wurde die »Sylter Tafel« gegründet – eine Initiative, die seitdem bedürftige Menschen auf der Insel mit Lebensmitteln unterstützt. PROKAMPEN-Autorin Ela Schnebbe sprach mit der Gründerin Dörte Lindner-Schmidt, die das Herz und Gesicht der Einrichtung ist.
DÖRTE LINDNER-SCHMIDT wurde für ihr außer-gewöhnliches Engagement 2018
die Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein verliehen.
Für Dörte ist das Teilen eine selbstverständliche Gewohnheit im Alltag.
![]()
Wie fühlt es sich an, auf mehr als ein Vierteljahrhundert »Sylter Tafel« zurückzublicken? //
Dörte Lindner-Schmidt: Es ist unglaublich bewegend und erfüllend zugleich. Diese 25 Jahre waren voller Herausforderungen, aber auch voller Freude und Dankbarkeit für das, was wir erreichen konnten.
Dabei bin ich manchmal selbst noch erstaunt, wie kurzentschlossen wir das Projekt angeschoben haben. Die Idee war 1998 geboren – auf einer Info-Veranstaltung der Diakonie, in der es eigentlich um die ersten »Tafeln« in Hamburg und Berlin ging. 15 Gründungsmitglieder waren wir, heute sind wir 35 – eine Kollegin, 87 Jahre alt, von Anfang an dabei, hat sich gerade in den Ruhestand verabschiedet. Daran merkt man auch, wie die Zeit vergeht und was sich alles verändert hat.
Was ist heute anders als damals? //
D. L.-S.: Am Anfang hieß es oft: »Eine Tafel für Bedürftige? Sowas brauchen wir hier auf Sylt nicht.« Und dazu ernteten wir viele ungläubige Blicke. Dass das Geld auf der Insel der »Schönen und Reichen« aber eben doch nicht dafür reicht, dass alle Menschen ihre Grundbedürfnisse decken können, das konnten sich viele nicht vorstellen. Die größte Herausforderung war, Vorurteile wie »wer arm ist, hat selbst schuld« abzubauen.
![]()
Sind heute mehr Sylter*innen auf die Tafel angewiesen als früher? //
D. L.-S.: Auf jeden Fall. Die Zahl unserer Tafelgäste ist deutlich gestiegen. Zu Beginn waren es vor allem die Randgruppen der Gesellschaft – Drogensüchtige und Punks. Etwa 15 Menschen kamen regelmäßig zu uns.
Als 2015 die ersten Geflüchteten kamen, standen statt 50, 60 Menschen plötzlich an die 100 da. Heute kommen etwa 80 Gäste pro Lebensmittelausgabe. Zweimal in der Woche wird Essen verteilt. Davon leben insgesamt etwa 300 Menschen. Vor dem Hintergrund der hohen Inflation wundert sich heute niemand mehr, dass es dieses Angebot gibt und dass es essentiell wichtig ist für viele Menschen.
Welche Rolle spielen Spenden für die Arbeit der Tafel? //
D. L.-S.: Ohne die Spendenbereitschaft der Sylter Betriebe wäre die Tafel gar nicht möglich. Die Veranstalter des »Kampen Jazz-Festivals« etwa haben zusammen mit der »Bigband der Bundeswehr« im letzten Jahr über 20.000 € an die »Sylter Tafel« gespendet. Es war die größte Spende, die die Tafel je bekommen hat. Auch das »Hotel Rungholt« hat zu seinem 90-jährigen Jubiläum eine große Summe gespendet, um nur mal relevante Kampener Spenden zu nennen.
Auch während der Corona-Pandemie zeigte sich, wie stark unser Netzwerk hier auf der Insel ist. Ich erinnere mich noch daran, wie wir plötzlich viele Taschen benötigten, um die Waren kontaktlos zu übergeben. Ein Anruf bei Tourismus-Direktorin Birgit Friese genügte damals und sie sprach alle Kurverwaltungen der Insel an – schließlich kamen mehr als 1.000 Taschen zusammen. Das ist Sylt, wenn’s mal eng wird: Dann halten alle zusammen.
Wie unterstützt Du und Dein Team Menschen, die sich unwohl fühlen, Hilfe zu erhalten? //
D. L.-S.: Der Gang zur »Tafel« ist für viele ein schwerer. Vor allem der erste Schritt. Gerade auf Sylt, wo der schöne Schein so übermächtig ist. Viele rufen erst einmal an und schildern ihre Not. Um die Hemmschwelle abzubauen, ist immer ein persönliches Gespräch hilfreich. Manche lade ich ganz Sylt-typisch einfach auf einen Kaffee ein. Das kann schon die Brücke sein, die nötig ist.
Was wünschst Du Dir für die nächsten 25 Jahre der »Sylter Tafel«? //
D. L.-S.: Dass wir auch in Zukunft ein Ort der Hoffnung, der Unterstützung und der Gemeinschaft sein können. Dass die Sylter Tafel auch weiterhin dazu beiträgt, das Leben vieler Menschen positiv zu beeinflussen und neue Perspektiven zu schaffen.
Extra-Frage: Warum macht Helfen glücklich? //
D. L.-S.: Wenn man andere unterstützt, bekommt dabei so viel zurück: Man spürt Freude und Dankbarkeit. Und man erlebt die Verbundenheit, die dadurch entsteht. Schon als Kind habe ich das so empfunden. Ich bin damit aufgewachsen, dass wir alles abgeben, was wir selbst nicht (ver-)brauchen. Das hat mich geprägt.
![]()
|
![]()
|
|
![]()
GUT ZU WISSEN
|
GUTES TUN VERLÄNGERT DAS LEBEN US-Forscher des Institute for Social Research in Michigan konnten zeigen, dass Menschen, die sich für andere einsetzen, länger leben als Egoisten. Die lebensverlängernde Wirkung basiert unter anderem auch darauf, dass der Körper durch die Euphorie des Helfens mehr Immunglobulin A produziert. Mit diesen Antikörpern wehrt das Immunsystem Erreger von außen ab – allerbeste Voraussetzungen also für ein gesundes und langes Leben. IDEEN FÜR GUTE TATEN IM ALLTAG Es ist eigentlich ganz einfach, andere glücklich und die Welt zu einem besseren Fleckchen zu machen. Hier ein paar Anregungen:
|
|||||
|
|
Die Sylter Tafel gibt gespendete Lebensmittel an Menschen weiter, die sie nötig haben – kostenlos, anonym und ohne Nachweis der Bedürftigkeit. |
||||
ANZEIGE