No 90
Winter 2023
15/18

Ein Flug nach Sylt und ein knapp zweistündiges Gespräch mit den Ipsens (vom Getränkehandel) vor 14 Jahren – und Stefan Gerners Leben änderte sich von Grund auf. Mit jenem Business-Talk wurde nämlich die Gründung des Weingroßhandels »WIP« beschlossen, bei dem heute an die 90 Prozent der Sylter Gastronomen zumindest einen Teil ihres Wein-und-Champagner-Sortiments ordern. Gerner zog mit der Familie aus Dortmund nach Sylt und schlug hier Wurzeln. Sein Know-how teilt er mit seinen Gastro-Kund*innen und manchmal auch mit Endkonsumenten bei Sommelier-Lehrgängen, Seminaren und Messen. Ein Event, das sich an alle Weinliebhaber richtet und bei dem das Herz des gebürtigen Würzburgers aufgeht, ist der »Kampener Weinpfad«, der am Sonntag, 25. Februar das erste Mal seit vier Jahren wieder die Winternacht in Kampen erhellen wird. Über die jüngsten Trends beim Wein sprach Autorin Imke Wein, die Ahnungslose, mit dem Connaisseur Stefan Gerner.


Bevor sich Ihre Kompetenz auf Wein fokussierte und Sie geschäftsführender Gesellschafter bei WIP wurden, was haben Sie da im Leben alles so aufgestellt? //
Stefan Gerner: Ich habe in der Hotellerie im In- und Ausland gearbeitet und »International Business« studiert. Als sich der Plan zerschlug, in Mexiko City die Position des Food & Beverages Manager im neuen »Mandarin Oriental Hotel« zu leiten, habe ich umgesattelt und zwölf Jahre lang die Geschäftsführung beim Weineinzelhandel von »Mövenpick« Deutschland übernommen. Sylt kannte ich von einem Projekt mit der Familie Fuchs. Als sich das Interesse  in der Sylter Gastronomie vor 14 Jahren immer stärker von Bier in Richtung Wein verschob, hatten die Ipsens die Vision von einem Weingroßhandel mit großer Expertise. Diese Idee haben wir dann gemeinsam Wirklichkeit werden lassen.

Sylt ist eine Hochburg für exzellente Weine und es gibt natürlich mehrere Händler – für den Groß- wie für den Einzelhandel. Ist das ein heiß umkämpfter Markt? //
S. G.: Ich finde, es gibt ein sehr gutes Miteinander im Getränke- und Weinhandel auf Sylt und wir ergänzen uns alle. Jeder hat sein eigenes Profil und sein eigenes Geschäftsfeld.

Wie ist denn das WIP-Profil? //
S. G.: Unser Sortiment umfasst bestimmt 2.000 verschiedene Weine, Brände und Champagner. Unser Portfolio geht in die Breite, aber auch in die Tiefe. Wir bieten sowohl Einsteiger-Sortimente aller Art als auch sehr spezielle Weine.

Im späten Herbst ist es fast so schwer, Sie zu erreichen, wie im Hochsommer. Worin besteht jetzt Ihr Arbeitsschwerpunkt? //
S. G.: Natürlich gibt es auch Dinge nachzuarbeiten, die im Sommer liegen geblieben sind. Wichtig im Herbst ist es, die Saison zu analysieren. Was hat funktioniert und was nicht so und vor allem: Welche Schlüsse ziehen wir daraus für unser Sortiment? Die profundere Kommunikation mit unseren Kunden und unseren Winzern weltweit fällt natürlich auch eher in die ruhigere Jahreszeit.

Für meinen Geschmack als beinahe antialkoholisches Wesen wird ziemlich viel »Bohai« um den Weingenuss gemacht – als wäre die Flasche mit großer Reputation ein Ersatz für den Theaterbesuch. So habe ich es jedenfalls in mancher Runde empfunden… //
S. G.: Ich finde, man sollte auch in Sachen Wein, wie in allen Lebensbereichen, die Kirche im Dorf lassen. Extremismus tut ja selten gut. Beim Wein allein aus gesundheitlichen Gründen. Ich sage immer, es gibt nur zwei Sorten: Wein, der mir schmeckt, und der, der mir nicht schmeckt. Aber zudem ist Wein natürlich ein grandioses Naturprodukt, dahinter steht ein großes Handwerk. Mit viel Tradition, spannenden Menschen und beständiger Innovation. Ein unerschöpfliches Feld, in dem man zwar viel dazulernen kann, aber nie alles weiß. Das macht den Wein schon zu einem sehr besonderen Thema und zu einem Kulturgut.

Wie hoch ist der Wein-Wissensstand der Menschen auf Sylt?  //
S. G.: Ich finde, es gibt einen großen Wissensstand, aber auch Wissensdurst, was für ein lustiges Wort in dem Zusammenhang, bei den Gastronomen und auch bei den Endverbrauchern. Bei einem Seminar beim Rotary Club neulich war ich sehr beeindruckt vom Know-how. Während man zum Beispiel  als Sommelier dem Sylter oder Gast noch vor ein paar Jahren auch ein X für ein U vormachen konnte, ist heute der Wein-Genießer zumeist sehr, sehr gut im Thema.

Sie sind jetzt schon 2,5 Jahrzehnte im Wein-, Sekt- und Champagnerbusiness unterwegs. Haben Sie sich dieses Feld komplett erschlossen?  //
S. G.: Kein Stück, weil mein Metier so vielseitig und dynamisch ist. Es bleibt immer aufregend. Beispiel China: Wer hätte vor ein paar Jahren schon gedacht, dass das große Land in Fernost bald ein sehr spannendes Weinanbaugebiet würde, in dem klimatische und Bodenbedingungen herrschen, die für französische Rebsorten ein Traum sind. Dadurch entsteht etwas vollkommen Neues, das es vorher nicht gab.

Wenn man Sommelier werden möchte, braucht man dazu mehr als ein handwerkliches Fundament? //
S. G.: Oh ja… vieles lässt sich schulen und trainieren. Es gibt aber auch eine Begabung, Feinheiten zu erschmecken, die der eine hat und der andere nicht. Zudem braucht man Feingefühl und Menschenkenntnis, um die richtige Empfehlung zu geben.

Verraten Sie uns drei Trends aus Ihrem Business? //
S. G.: Ja klar. Also: 1. Es  gibt nicht den einen Trend wie früher, sondern ganz viele. 2. Dazu gehört beispielsweise, dass man den gereiften Wein wiederentdeckt, weil er bekömmlicher und eben oft auch köstlicher als der junge Genuss ist. Die Nachfrage z.B. nach deutschen Weinen aus den 70er- oder 80er-Jahren ist deutlich gestiegen.

Solche Weine sind sicher unerschwinglich? //
S. G.: Nein, die gibt es durchaus ab 25 € pro Flasche.

Ach ja, und der dritte Trend unter den vielen? //
S. G.: Die Genießer weltweit vertrauen noch viel mehr auf ihr eigenes Kriterium: Wer gerne fruchtige Weine trinkt, der kann das ganz offen sagen, ohne dafür einen schrägen Blick zu riskieren. Weingenießer werden immer individueller. Sowas wie »nur Weißwein zum Fisch« – das ist ja schon ewig vom Tisch. Statische Regeln zum »richtigen« Weingenuss gibt es also immer weniger, andererseits wächst das Wissen.

So, jetzt zu einem Genießer-Event in Kampen. Weil einige Leser*innen den Weinpfad nicht kennen, erzählen Sie doch bitte einmal, wie das Ganze abläuft… // 
S.G.: Am Sonntag, den 25. November, um 18 Uhr treffen sich die angemeldeten Gäste im Kaamp-Hüs. Da erheben wir unser Glas einmal und erklären kurz den Verlauf. In fünf Restaurants warten dann fünf Winzer mit je zwei Weinen und in jedem Haus gibt es einen Essensgang. All das verbindet der Gast mit einem schönen Spaziergang von Haus zu Haus. Es gibt sehr viele Menschen, die immer wieder kommen. Das wird erfahrungsgemäß ein höchst geselliger und genussreicher Winterabend.

Wie ist die Geschichte zu diesem Event? //
S.G.: Am Tag nach dem »Weinpfad« beginnt unsere WIP-Weinmesse. Daher sind viele Top-Winzer von überall her auf der Insel. Wir hatten dann vor Jahren die Idee, die Winzer und die Gastronomen zusammenzubringen, sodass Genießer die Möglichkeit haben, neue Menschen und neue Genüsse kennenzulernen. Das wurde von Anfang an super angenommen. Wir bieten den Abend übrigens zum gleichen Preis an wie vor Corona: 99 € pro Gast.


WIP x KÜNSTLERWEIN
Kampen kooperiert mit WIP schon »seit immer« in Sachen »Künstlerwein«. Das geht so: Ein Kampener Gastro-Team wählt einen Rotwein aus, ein Künstler mit Kampenbezug gibt eines seiner Werke als Etikett dazu: Diese limitierte Produktion ging 2023 in seine XI. Auflage. Den aktuellen Künstlerwein mit einem Foto von Bleicke Bleicken gibt es für 19,90 € im Kaamp-Hüs.




······ KAMPENER WEINPFAD IS BACK ······


» FAKTEN ZUM KAMPENER WEINPFAD

Sonntag, 25. Februar // 18.00 Uhr Start im Foyer des Kaamp-Hüs // Ende 22.00 Uhr


» TEILNEHMENDE RESTAURANTS UND WINZER

Hotel Rungholt › Weingut Laible  |  Baden – Alexander Laible

Restaurant Gogärtchen › Weingut Wieninger  |  Wien – Alf Wimmer

Restaurant Kaamp Meren › Weingut Van Volxem  |  Saar – Christian Falk oder Roman Niewodniczanski

Restaurant Manne-Pahl › Weingut Emrich Schönleber  |  Nahe – Marvin Marx

Restaurant Henry’s  › Weingut Schloss Johannisberg  |  Rheingau – Stefan Doktor


Ticketpreis (noch immer wie vor Corona): 99 €
Vorverkaufsstellen: Tourismus-Service Kampen und die teilnehmenden Restaurants



Illustrationen Weingläser: AdobeStock/GarkushaArt, AdobeStock/Ольга Фурманюк


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