In dieser Rubrik möchten wir Sylter Menschen, Vereine und Institutionen vorstellen, die sich für andere Menschen oder auch für wichtige Themen auf der Insel engagieren – uneigennützig, mit Herzblut, unbeirrbar.
TEXT: IMKE WEIN
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Pop-up-Warenhaus de luxe
Der »Second Hand Markt« im Kaamp-Hüs ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie Kampen als Dorf funktioniert. Wie lebendig das Miteinander ist – trotz aller Veränderung. Beim zweimal im Jahr stattfindenden Shopping-Großvergnügen kommt alles Gute zusammen: ehrenamtlicher Einsatz, Solidarität mit Hilfsbedürftigen, Großzügigkeit, Geselligkeit und nachhaltiger Konsum. Und der Markt der Märkte zeigt, was sich in kürzester Zeit bewegen lässt, wenn ein Team über Jahrzehnte Abläufe perfektioniert hat und für den guten Zweck Expertise und viel Zeit zur Verfügung stellt.
Der Kampener Kleidermarkt ist auf Sylt allgegenwärtig. Auch am Morgen des Interviews für diesen Text. Denn für den Termin hatte sich die Autorin ohne große Überlegung ihre aktuelle Lieblingsjacke (Siehe Seite 4) übergeworfen und stand im »Wallhof« bei Gitti Ronnebeck vor der Tür (sie gehört zusammen mit Anja Zilz zum »harten Kern« im Orga-Team.) Gitti fragt: »Na, wo hast Du denn die Jacke her?« Antwort: »Vom Kampener Kleidermarkt. Da kommen fast alle meine Klamotten her.« Und Gitti sagt amüsiert: »Na, die Jacke kenn’ ich, die hat meinem Michi gehört.« Dieserlei Szenen gibt’s in Kampen und weit darüber hinaus seit 40 Jahren regelmäßig. Schöne Kleidung befindet sich hier in einer Art Warenkreislauf-System. Und jede und jeder ist irgendwie stolz darauf, ob als Käufer, Helfer oder Organisator, Teil dieses Projekts zu sein.
Gitti Ronnebeck und Anja Zilz vom Orgateam freuen sich schon jetzt auf den nächsten Markt im März. Ulrike Baber (re.) ist Helferin der ersten Stunde.
»Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass alle wissen, dass die Erlöse des Marktes Sylterinnen und Syltern in akuter Not und sozialen Inselprojekten zukommen«, meinen Anja und Gitti, die seit Jahrzehnten für das Shoppingereignis alles liegen und stehen lassen und je eine gute Woche für den Erfolg der XXL-Veranstaltung im Einsatz sind. Um einen Festsaal in einen Markt zu verwandeln, werden Urlaube genommen und alles, was irgend möglich ist, gecancelt oder umgelegt. Anja erzählt, wie sehr sie im September 2024 aus der Ferne mitgefiebert hat, als sie mit ihrer Tochter auf das Enkelkind wartete und nicht aktiv am Marktgeschehen teilhaben konnte.
Dabei fällt den beiden gerade ein, dass im Kassenbereich des Marktes künftig eine Collage zu sehen sein soll von all den Menschen und Projekten, die schon unterstützt worden sind. »Kommt sofort auf die To-do-Liste!« Auch ein Fotoshooting steht auf dieser Liste. Das Gruppenfoto (hier ganz oben) schoss Julia Lund für die »Sylter Rundschau« 2017. Vor lauter Einsatz kommt das Helferinnen-Team nicht zu so albernen Dingen wie Teamfotos.
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Ein Spendenbeispiel von so vielen: Gemeinsam mit der Gemeinde wird nach jedem Kleidermarkt festgelegt, wer auf Sylt die Unterstützung am nötigsten braucht.
Denn Vor- und Nachbereitung sind in diesem Fall ein ganzjähriges Projekt. Wenn alle Abläufe auch schon gut automatisiert und optimiert wurden. »Jede Einzelne im Orgateam, wir sind aktuell neun, ist ebenso wichtig wie wir. Die etwa 50 Helferinnen, ob als Verkaufsberatung, Security oder Kassenfee, natürlich auch. Es ist ein Gemeinschaftswerk, bei dem alle ihre Superkräfte entfalten können. Es geht nur zusammen«, meint Anja bescheiden.
Auch immer munter mit im Einsatz: Bürgermeisterin Steffi Böhm. Zuständig für die Bewirtung in der Cafeteria. »Falls jemand mal etwas zu meckern hat, können wir direkt an die Chefin verweisen. Nein, aber im Ernst. Es ist ein tolles Gefühl, dass alle so viel Spaß am Erfolg des Ganzen haben – eben auch unsere Bürgermeisterin.«
Hier sei kurz umrissen, wie die Unternehmung aktuell funktioniert: Gitti verwaltet ganzjährig die Nummern, die man erhält, wenn man beim Kleidermarkt seine schöne, saubere und hochwertige Garderobe, Schuhe, Babysachen und Spielzeug verkaufen möchte. »Es gibt eine genau festgelegte Anzahl an Nummern und da ist wenig Bewegung. Da viele der Warenlieferanten seit Jahren immer dieselben sind«, weiß Gitti, um der Enttäuschung vorzubeugen bei denen, die keine Nummer bekommen. Vier »Ikea«-Beutel an Garderobe plus vielleicht noch sperrige Dinge sind die Maximalwarenmenge, mit der man den Markt beliefern kann. Aufgebaut wird immer Anfang der Woche, freitags geht das Spektakel los und Sonnabend am Abend beginnt der Rückbau.
Das Dreamteam der Gemeinde sorgt fürs Backoffice. Die Verwaltung des Ganzen, auch die der Finanzen. Die Mails mit den Kleidermarktregeln für neue Lieferanten verschickt ebenfalls das Gemeinde-Team.
Zum Segment »Infrastruktur« gehört auch, dass die Warentische, Kleiderständer und Haken ganzjährig im Kaamp-Hüs gelagert werden können. Sonst würde das alles gar nicht gehen.
»Uns ist in all den Jahren einfach schon alles passiert. Es wurde auch geklaut mit allen Tricks. Aber selbst das haben wir heute im Griff, durch unsere ›Security‹ und dadurch, dass man seine Jacken abgeben muss.« Die Garderobe wird gegen eine Spende von den Abiturienten des Gymnasiums versehen. Sie sammeln für ihren Ball.
Fast alle, die eine Nummer ergattert haben, packen natürlich auch mit an und lassen sich zu Schichten im Dienstplan einteilen. Für eine nahezu »heilige« Situation rund um das Thema Abrechnung sorgt Anja Zilz mit absoluter Präzision während und nach dem Event.
Lange Schlangen vor dem Eingang sind Standard und keine Sensation. Menschen, die extra anreisen und ihren Urlaub nach dem Markt ausrichten, auch.
»Ich nehme mir selbst jedes Mal vor, nichts zu kaufen. Aber es gelingt einfach nicht«, gesteht Gitti. Menschen, die mal eben für 500 Euro die Garderobe der nächsten Saison oder die Erstausstattung fürs Baby einkaufen, sind keine Seltenheit. Kartenzahlung ist übrigens nicht möglich und wird‘s auch künftig nicht sein. Aber es gibt ja einen EC-Automaten direkt im Haus.
Alle Kräfte des Kampener Second Hand Marktes verantworten zusammen eine jeweils präzise Punktlandung. Um ein Beispiel zu nennen: Dörte Tychsen, professionelle Modeexpertin, sorgt – bevor die Türen geöffnet werden – noch schnell mit wissender Hand dafür, dass die Waren ansprechend sortiert (sogar nach Farben) und edel drapiert sind. Auch sie liebt das Projekt mit jeder Faser.
Der Kampener Kleidermarkt ist ein weitgehend weibliches Werk. Michi, der Ehemann von Gitti, ist eine der wenigen Ausnahmen. »Ohne Michi läuft bei uns nichts. Er ist eine Schlüsselfigur im großen Ganzen«, meint dazu Anja Zilz.
»Ich bin sonst eher eine Eigenbrötlerin, aber beim Kleidermarkt trifft man sich, umarmt sich, tauscht sich aus.«
Für die Mutter und Großmutter war der Kleidermarkt von Anfang an Quelle von menschlicher Freude. »Das kann ich nur bestätigen«, versichert Ulrike Baber, die schon in den unterschiedlichsten Funktionen für den Second Hand Markt aktiv war und sich auch in den kommenden Jahren als Helferin nicht zur Ruhe setzen will. »Ich bin sonst eher eine Eigenbrötlerin, aber beim Kleidermarkt trifft man sich, umarmt sich, tauscht sich aus.«
Sie weiß viel von den Anfängen – mit ihrer Familie wohnte sie über dem legendären Kindergarten im Süderweg.
Und da ging alles los: Von Eltern und von Chef-Erzieherin Birgit Lanz in den frühen 80er-Jahren kam der Impuls, Baby- und Kinderkleidung einfach mal weiterzuverkaufen, weil doch das Meiste, kaum genutzt, schon zu klein ist.
Lange bevor die Begriffe »Second Hand« und Nachhaltigkeit in der Mitte der Gesellschaft ankamen, war der Kampener Kleidermarkt schon in aller Munde.
Der Second Hand Markt änderte am Anfang seine Strategien, entwickelte sich immer weiter, zog wegen seiner Größe irgendwann ins Kaamp-Hüs um. Als der Kindergarten Kampens Mitte 2015 schloss, sah es kurz so aus, als würde das wunderbare Kleidermarkt-Projekt damit ebenfalls sterben. »Wir haben es kurz alleine versucht, aber dann ist die Gemeinde mit eingesprungen und besser hätte es nicht kommen können«, freut sich Anja Zilz.
Es gibt viele wunderbare Anekdoten aus 40 Jahren und bei Anja, Gitti, Ulrike und vielen anderen schon die Vorfreude auf das nächste Mal. Denn im März ist es wieder soweit. Urlaube werden umgelegt und alles Wichtige auf einen anderen Termin verschoben, um beim Shoppen für den guten Zweck dabei zu sein.
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Um beim Kampener »Second Hand Markt« neue Lieblingsstücke, Schuhe, Spielzeug und Kinderausstattung zu finden, braucht es etwas Geduld. Die Schlange ist lang. Aber ganz gewiss trifft man haufenweise Freunde und Bekannte.
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GUT ZU WISSEN!
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DER NÄCHSTE »SECOND HAND MARKT« im KAAMP-HÜS Freitag, 28. März 2025 // 10 – 18 Uhr Samstag, 29. März 2025 // 10 – 16 Uhr |
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