No 94
Winter 2024
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Die kuriosen Anfänge des Kampener Badebetriebs

BADEN? ABER NICHT HIER!

TEXT: FRANK DEPPE | FOTOS: ARCHIV DEPPE

Seit Sylt so viele Begehrlichkeiten auslöst, sind die Inselpisten und Strandwege gepflastert mit Provinzpossen. Bis heute ist Sylt für so kuriose Geschichten gut, dass sie in jedem Roman unglaubwürdig erscheinen würden. Eine davon spielt in den Pionierjahren der Sommerfrische in Kampen.


Zwei Sommer nach dem Start in Westerland fanden sich 1856 die allerersten Badegäste in Kampen ein. Aber erst 1876 stellten Kampener Bürger für die Sommerfrischler einige Badekarren auf, an denen sich zunächst über viele Jahre auch niemand störte. Das sollte sich aber 1894 drastisch ändern. Denn da eröffnete Hermann Gustav Haberhauffe unweit des Kampener Kliffs das mondäne Hotel »Kurhaus« (am Ende der Kurhausstraße). Das nötige Geld hatte der gebürtige Sachse von seiner Mutter geerbt.

Einhergehend mit der Eröffnung dieses ersten großen Kampener Hotels stellte Haberhauffe am Strand sechs Badekarren auf. Das brachte jedoch den Sylter Amtsvorsteher Engels auf den Plan, der kurz zuvor bereits ein rechtliches Geplänkel mit Haberhauffe ausgetragen hatte. Engels meldete den Vorfall dem Landrat und dieser stellte klar: »Eine Badekonzession wird dem Hotelbesitzer Haberhauffe nicht erteilt. Gästen darf daher das Baden nicht gestattet werden, während es den Einwohnern nicht verwehrt werden kann.«

Amtsvorsteher Engels konfrontierte Haberhauffe mit der Erklärung. Doch der zeigte sich wenig einsichtig: »Er sei nicht im Stande, den Gästen das Baden zu verbieten. Auf Wunsch der Kampener Einwohner würde er gar noch mehr Badekarren aufstellen«, protokollierte Engels und sendete den Kampener Hilfs-Gendarm Leukhardt aus. Der wurde prompt fündig: Er ertappte am 19. Juli vier Herren beim unerlaubten Baden – den Kaufmann Schlers aus Hamburg sowie die beiden Kaufmänner Gust und Schröder nebst dem Kammermusiker Wilhelm, alle drei aus Dresden. »Meiner Aufforderung, dass das Baden am Kampener Strande verboten sei, leisteten die Personen indes keine Folge«, beklagt der Hilfs-Gendarm.

Nach mehreren Androhungen von Amtsvorsteher Engels, die Hotelbesitzer Haberhauffe ignorierte, ließ Engels die unerwünschten Badekarren eines Sommerabends kurzerhand von einem Fuhrmann abtransportieren und in einer Baracke der Buhnenbauer am Kampener Kliff einlagern. Keine gute Standortwahl, denn schon am nächsten Tag standen die Badekarren wundersamerweise wieder am Strand.


Um einige Badekarren am Kampener Strand erwuchs ein erbitterter Rechtsstreit. 


Es folgten Anzeigen und Strafverfügungen, schließlich reichte Haberhauffe beim Regierungspräsidenten Klage ein. Die wurde abgelehnt. In der Begründung findet sich ein Passus, der wohl einen maßgeblichen Aspekt anspricht – die mögliche Konkurrenzsituation zu den Nachbarn: »Durch die Seebäder Westerland und Wenningstedt ist für das Bedürfnis der Gäste ausreichend gesorgt. Zudem kann ein geordnetes Badeleben nur gedeihen, wenn sich das selbige auf gewisse Punkte konzentriert.«

Hermann Gustav Haberhauffe starb 1895, ein Jahr später, im Alter von 51 Jahren. Doch seine Ehefrau Anna Vilagos, Schauspielerin mit schillerndem Bekanntenkreis, setzte den Rechtsstreit mit der Unterstützung von Freunden fort. Sie wendete sich gleich an das preußische Innenministerium. Vergeblich. Nach weiteren Gerichtsverfahren setzte das Oberverwaltungsgericht in Berlin 1898 endlich einen Schlusspunkt. Fortan durften Badekarren aufgestellt werden und die »im Kampener Kurhaus wohnenden Fremden das Meer zum Zwecke des Badens benutzen«. Damit war der Grundstein für die Bewirtschaftung des Kampener Strandes gelegt. Aber auch der Grundstein für Kampen als Badeort der Boheme und des hohen Bürgertums. Denn genau das war die Klientel, die Anna Vilagos für ihr Hotel mit den 76 Zimmern und der kultivierten Bewirtung begeistern konnte.

Ende gut, alles gut? Nö. Zwar hatte Anna Vilagos den Rechtsstreit gewonnen. Doch ihr selbst ging das Geld aus. Im April 1900 kam es zur Zwangsversteigerung des Hotels, das bereits im Sommer unter neuer Leitung wieder eröffnet wurde. 1909 übernahm der umtriebige Hotelier und Gastronom Max Nann das »Kurhaus«. Er war der Urgroßonkel von »Rungholt«-Chef Dirk Erdmann. 1966, 72 Jahre nach der Eröffnung, wurde das »Kurhaus« dann abgerissen. Wenige Tage vorher herrschte noch einmal reges Treiben in dem Gebäude. Für zehn Mark durfte sich jeder vom Inventar mitnehmen, was ihm gefiel. Mehr als 150 Interessenten strömten zum »Kurhaus«. Einer von ihnen machte ein besonderes Schnäppchen: Ein Sylter Organist transportierte glücklich einen schneeweißen »Steinway«-Flügel ab.

1966: Das Kurhaus wird abgerissen. Längst herrscht unten am Strand ein geregelter Badebetrieb.






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